Sagt mir doch nicht, es gäbe keine Engel

Kunstgottesdienst 2022

Für die Organisatoren wie für die zahlreich erschienenen Gläubigen war es ein herausfordernder Kunstgottesdienst, der wie jedes Jahr im Oktober in der evangelischen Kirche in Lützelsachsen stattfand. Pfarrer Jan Rohland und Kunsthistorikerin Aloisia Föllmer deuteten am 30.10.2022 die vielschichtige und ambivalente Engeldarstellung des russisch stämmigen Künstlers Alexander Zakharov. Musikalisch wurde der Gottesdienst gestaltet von Jochen Braunstein an der Orgel und von Stephan Klischat an der Gitarre. Seine sensibel gespielten Stücke ermöglichten den Besuchern meditative Pausen, die zum Nachdenken und Nachempfinden genutzt werden konnten. 

Der Maler Alexander Zakharov
Der international bekannte Künstler, Jahrgang 1957 und Sohn russischer Eltern, wurde in Kiew geboren. Er lebt und arbeitet seit den 90er Jahren im Münsterland und war extra angereist, um am Gottesdienst teilzunehmen. Auf die Frage, warum in seinem gesamten künstlerischen Schaffen immer wieder das Motiv des Engels auftaucht, antwortete er, dass ihm dieses in persönlichen wie in allgemeinen Krisenzeiten gut tut.
Mit drei eindrucksvollen Winterlandschaften, die ebenfalls in der Kirche ausgestellt wurden und die in den beiden letzten Jahren entstanden, fängt er die Schwere und die Melancholie unserer Zeit ein. Über den Krieg sprechen wollte der eher zurückhaltende Künstler nicht, nur über die Kunst.
Aktive Teilnahme der Gläubigen am Gottesdienst
Da in diesem Jahr der Gottesdienst unter weitgehend normalen Bedingungen stattfand, konnten sich die Besucher wieder vor und nach dem Gottesdienst frei im Kirchenraum bewegen und alle Kunstwerke aus der Nähe betrachten. Ferner kamen sie der Aufforderung nach, ihre Gedanken und Assoziationen zum Engelbild zu benennen. Auf diese Weise wurde deutlich, dass der zwischen Ohnmacht und Stärke angelegte Engel sich von traditionellen Darstellungen deutlich abhebt. Manche Fragen blieben offen, die Vielfalt Deutungsmöglichkeiten aber faszinierte alle.
Wächter einer Welt, die keine Wunder kennt
In ihrer Bildmeditation wies Aloisia Föllmer die Verbindung des Zakharov-Engel zu den Menschen hin, denn wie dieser ist auch der Engel Bedrohungen ausgesetzt. Sein Gewand, das wie eine Art Panzer wirkt, umgibt ihn wie eine Schutzhülle. Hilfesuchend wendet er den Kopf zum Himmel. Die Kunsthistorikerin warf viele Fragen auf. Werden Engel nicht als Beschützer des Menschen angesehen? Und schwingt nicht in jeder Vorstellung von einem Engel die menschliche Sehnsucht nach Erlösung, nach dem Paradies mit? Zeugen die spitzen Flügel und seine blutroten Hände von seiner Bereitschaft, aktiv gegen das Böse anzugehen? Für Aloisia Föllmer bedeuten Engeldarstellungen eine Aufforderung, Eigenschaften, die wir mit Engeln verbinden, in sich selbst zu entfalten und die Botschaft der Liebe auch unter Schmerzen weiterzutragen. Sie endete mit einem Zitat von Marie-Louise Kaschnitz: `Sagt mir doch nicht, es gäbe keine Engel, wenn ihr die Liebe gekannt habt.`
Jakobs Kampf am Jabbok
Pfarrer Jan Rohland kam in seiner Predigt am Beispiel von Jakob und Esau auf menschliche Abgründe zu sprechen, die im Wunder der Versöhnung enden. Die Brüche im Leben der beiden Brüder werden überwunden. Im Segen Gottes fühlen sie sich verbunden und geheilt. 
Vorher aber hat Jakob mit sich selbst gerungen und mit einem Fremden, einem Engel. Rohland ging dann auf die Deutung des Zakharov Engel ein. Für ihn ist er einer, der sich vorsichtig vorantastet, der spürt, was in der Not und in der Gefahr wichtig ist und der seinen Lebenswillen spürt. Auf Versöhnung und Frieden hoffend begibt er sich für andere in Gefahr, damit aus Fluch Segen wird.
Die Vieldeutigkeit des Bildes im Blick endet der Pfarrer mit einem völlig unerwarteten aber plausiblen, persönlichen Gedanken. `Wer weiß. Vielleicht tanzt der Engel auch einfach nur und versucht, alles Leid zu vergessen.` Mit diesen abschließenden, tröstlichen Worten öffnete er das Bild für alle Betrachter noch einmal in seiner Mehrdeutigkeit. Allen wurde damit bewusst, dass es bei jeder/m Einzelnen ganz persönliche Empfindungen hervorruft. 
Abschließend wurden von vielen Gottesdienstbesuchern der Kaffee, der Tee sowie die Kekse vom ökumenischen Weltladen genossen. Es fanden über einen langen Zeitraum hinweg noch sehr interessante und anregende Gespräche statt.