Liebe Gemeinde!
Manchmal wache ich nachts auf und kann nicht mehr einschlafen. Unerledigtes geht mir durch den Kopf. Irgendetwas, was mich aufregt und mir den Schlaf raubt. Ich wälze mich hin und her. Und vielleicht kennen Sie das: Dann mit jemandem darüber reden, würde helfen.
Nikodemus kommt zu Jesus. So erzählt es das Johannesevangelium. Es bleibt offen, warum Nikodemus Jesus nachts besucht. Vielleicht soll es niemand mitbekommen. Vielleicht kann er nicht schlafen. Er will mit Jesus ins Gespräch kommen, begrüßt ihn (V.2b) und sagt: „Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“
Nikodemus will mit Jesus ins Gespräch kommen. Doch der gibt ihm zu denken. Das Treffen ist konspirativ. Der Besuch ist politisch heikel. Denn Nikodemus ist nicht irgendwer. Und die revolutionären Gedanken Jesu werden von einigen gefürchtet.
Vielleicht will Nikodemus einfach direkt mit Jesus sprechen. Doch er stellt keine Frage. Er bekennt frei heraus, was umstritten ist: Jesus du bist ein Weisheitslehrer, den Gott schickt.
Vielleicht will sich Nikodemus bei diesem Geheimtreffen Jesus anschließen. Schließlich tritt der mit den Anspruch auf, von Gott zu kommen. Gottessohn und Menschensohn. Mit seinem Bekenntnis stellt Nikodemus indirekt die Frage: Wenn Gott Dich schickt, ist dann das Reich Gottes schon angebrochen? Bist Du der Messias?
Doch bei dem nächtlichen Gespräch tappt Nikodemus weiter im Dunkeln. Denn Jesus gibt ihm so etwas wie ein Rätsel auf. „Nur wer neu geboren ist, kann das Reich Gottes sehen.“ Nikodemus versteht nicht, was Jesus damit meint, und fragt nach. „Wie kann ein alter Mensch geboren werden? Er kann seine Geburt ja nicht wiederholen.“
Manchmal redet man aneinander vorbei. Versteht die Welt nicht mehr. Weiß gar nicht, was plötzlich alle haben. Manchmal spürt man einfach, dass etwas nicht gelingt. Warum, das bleibt im Dunkeln. Der Liebste will dann einfach nicht ihr Liebster sein. Oder einer spürt, dass er nicht dazu gehört. Kaum ein Mitschüler will mit ihm spielen. Er fühlt sich fremd. Oder eine sucht nach Sinn für ihr Leben und einen guten Draht zu Gott und anderen Menschen.
Es ist ein eigentümliches Nachtgespräch zwischen Nikodemus und Jesus. Jesus sagt ein paar Worte mehr. Die Leserinnen und Leser des Johannesevangeliums ahnen vielleicht, auf was er hinaus will.
Jesus sagt sinngemäß: „Wer in das Reich Gottes kommen will, der muss aus Wasser und Geist geboren sein. Dieses Reich ist nicht wie andere Herrschaftsbereiche und Staaten. Der Wind bläst, wo er will. Und auch der Geist lässt neu geboren sein, wen er will.“
Die Leser des Johannes denken bei Geburt aus Wasser an Taufe und an Johannes den Täufer. Der hat Buße, Umkehr und ein neues Leben gepredigt. Bei Geburt aus dem Geist erinnern sie sich bestimmt an das, was Johannes der Täufer zwei Kapitel früher über Jesus sagt: Ich sah den Geist wie eine Taube vom Himmel auf den herabfahren, der mit dem Heiligen Geist taufen wird (Joh 1,32-33).
Ob Nikodemus nun mehr versteht, bleibt offen. Vielleicht schwirrt ihm eher der Kopf. Wasser und Geist, Wind und Geburt? Möglicherweise denken ein paar Leser des Evangeliums darüber nach, dass man zwar selbst umkehren kann, aber geboren wird. Nikodemus aber tappt weiter im Dunkeln. Er bemüht sich vergeblich um Verstehen, wo nur Erkenntnis weiterhilft.
So mancher wünscht sich, dass er mit Leichtigkeit etwas so hinbekommt, wie er es sich vorstellt. Perfekt, das wäre schön. Aber perfekt ist nicht das Leben. Nochmal neu anfangen und perfekt machen. Das wäre was. So manche hat das Gefühl, mit den Füßen nicht auf den Boden zu kommen. Ihre Mutter will sie nicht, ihr Vater kann es ihr kaum recht machen. Sie wünscht sich, dass andere sie cool finden. Viel zu viel ist verkorkst. Neu anfangen, neu geboren sein. Das wär’s. So mancher vermisst seine Partnerin, obwohl sie nicht weit weg ist. Sie lebt jetzt in einer anderen Welt. Ihre Zeit ist jetzt eine andere. Nochmal neu anfangen und die Zeiten synchronisieren. Wieder miteinander reden und verstehen. Das wäre wie neu geboren.
Nikodemus und Jesus unterhalten sich nicht bei einem Becher Wein und einem Bissen Brot. Sondern jeder bleibt für sich. Jesus spricht mehr zu den Seinen als zu seinem Gast. Und Nikodemus versteht nur Bahnhof. Dieses Aneinander-vorbei-Reden durchzieht das Johannesevangelium. Und es sagt vor allem etwas über seine Entstehungszeit. Es gab keine gelungene Verständigung zwischen jüdischen Gelehrten und judenchristlichen Gemeinden. Die einen begreifen sich als neu geboren aus Wasser und Geist. Die anderen warten noch auf den Messias. Die einen sind getauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Die anderen warten noch auf den, den der Himmel schickt. Zum Glück bemühen sich Christen und Juden heute um einen guten Dialog.
Wer wie Nikodemus bekennen kann, dass Jesus von Gott geschickt ist, der ist schon aus dem Geist Gottes geboren. Mit dem nächtlichen Rätsel als Weisheitslehrer sagt ihm Jesus: Für einen Anfang mit Gott fehlt nur noch aus Wasser geboren werden. Bekenne Dich am Tag öffentlich zum dreieinigen Gott und lass Dich taufen.
Wie Nikodemus nach Hause geht, berichtet Johannes nicht. Vielleicht lag er schlaflos im Bett oder saß im Dunkeln auf seinem Nachtlager. Vielleicht hat er in Gott einen guten Freund zum Reden gefunden. Vielleicht hat’s ihm gedämmert und er hat einen Entschluss gefasst. Vielleicht war er am nächsten Morgen wie neu geboren.
Amen.


