Steine oder Sprachen
Andacht zum Pfingstfest, 23. Mai 2021

Quelle: Beate Preuss
Liebe Gemeinde!
Zur Weltliteratur gehört er. Der Turmbau zu Babel. Viele Menschen kennen die Erzählung. Der Turmbau steht für viele als Sinnbild für Hochmut, Selbstüberschätzung und für das Streben nach Göttlichem. Ich meine, so hab ich ihn im Kindergottesdienst kennengelernt.
Doch was ist, wenn der erste Satz gar keinen idealen Zustand beschreibt? Er heißt: „Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.“ (1. Mose 11,1). Was, wenn das ein Problem ist? Dass nur eine Meinung gilt. Dann erschließt sich die Turmbaugeschichte nicht als leidvolle Zerstreuung und Zersplitterung. Dann ist die Sprachverwirrung nicht Gottes Strafe, sondern Ausdruck seiner Liebe zum Leben und ein Geschenk der Freiheit.
Am Anfang steht eine Erfindung. In der Bibel heißt sie Erdharz. Eine schwarze Masse aus der Erde, die klebrig ist wie Harz. Das teerartige Gemisch aus Kohlenwasserstoff kennen wir als Bitumen oder Erdpech oder Naturasphalt. Bitumen als Mörtel macht das Großprojekt von Babel erst möglich.
Südlich von Bagdad hat man Fundamente ausgegraben, so groß wie ein Fußballfeld. Darauf soll ein Bau bis in 70 Meter Höhe gestanden haben. Vor ungefähr 3800 Jahren entstand der erste Turm in der Hauptstadt des babylonischen Reiches. Im 5. Jahrhundert vor Christus beschreibt der griechische Geschichtsschreiber Herodot einen Turm aus acht Stufen. Ganz oben soll er mit blau glasierten Ziegeln verkleidet gewesen sein und ein Dach aus Gold getragen haben.
Getragen ist das große Bauprojekt von einer Überzeugung. Aus der Idee heraus, dass sie sich einen Namen machen, und aus Furcht vor Zerstreuung wollen sie einen Turm bis an den Himmel bauen. Das klingt nach einem Platz im göttlichen Olymp. Doch fragt sich auch, im Vergleich zu welchen Namen soll der ihre der Höchste sein? Und welche Zerstreuung fürchten sie?
Namen gibt es bereits. Vor der Geschichte vom Turmbau führt das 1. Buch Mose eine lange Liste von Namen auf. Alle Nachkommen Noahs werden mit Namen genannt. Damit wird nicht nur die Vielfalt der Völker, sondern auch ihre Sprachenvielfalt beschrieben.
Das könnte mit der Zeit zu tun haben, in der die Geschichte vom Turmbau aufgeschrieben wurde. Im 6. Jahrhundert vor Christus wurde die Oberschicht Israels ins Exil nach Babylon umgesiedelt. Das Land Israel ist zum Vasallenstaat geworden. Der Tempel in Jerusalem ist zerstört. Große Wahrzeichen und Monumente in der Weltstadt Babel untermauern ihren Herrschaftsanspruch und stehen für die Überlegenheit Babylons.
Immer schon standen Kolossalbauten für eine Herrschaft über viele Menschen. Das gibt es bis heute. Im antiken Rom war das so, im letzten Jahrhundert im Berlin und Nürnberg der 30-er und 40-er Jahre und auch in unseren Tagen gibt es riesige Paläste. Was also, wenn sich die Legende vom Turmbau gegen den Versuch wendet, eine Einheitskultur zu errichten?
Denn Gott besieht sich die Stadt und den Turm. So erzählt es das erste Buch Mose. Er findet ein Volk mit einer Sprache. Und Gott will, dass sie den Turm nicht vollenden können. Den Turm, der die Weltherrschaft besiegelt und zementiert, während der Tempel in Jerusalem zerstört bleibt.
Die verschiedenen Völker und Sprachen entstehen nicht erst durch Gottes Eingriff in das Großbauprojekt. Sondern Gott vereitelt den Plan eines gigantischen Reiches, das für ein System steht, das anderen Völkern ihre Identität nimmt. Dazu stört Gott das Verstehen über unterschiedliche Sprachen hinweg.
In dem von Babylon gefürchteten Zerfall der Einheitskultur, im Weggehen und neu Anfangen liegt Segen. So wird im nächsten Kapitel von Abraham erzählt. Seine Geschichte ist eine Gegengeschichte zum Turmbau. Er vertraut Gott, nicht auf Steine. Er ist unterwegs und geht in die Fremde. Und Gott schenkt ihm reiche Nachkommen.
Es begann mit einer Entdeckung. So beginnen viele Geschichten. Damals machte erhitztes Erdharz den Bau von Babel möglich. Mit der Industrialisierung in westlichen Staaten im 18. und 19. Jahrhundert wurde Kohle und spätestens mit dem 20. Jahrhundert wurde Erdöl der Rohstoff, durch den viele Dinge erst möglich wurden, die wir heute selbstverständlich benutzen. Hinzu kommt die Entdeckung der Kernspaltung.
Aber wir kennen auch die Schattenseiten der intensiven Rohstoffnutzung und dem großen Energiehunger. Ein paar Stichworte stehen für riesige Herausforderungen: der fortschreitende Klimawandel, Umweltverschmutzung durch Mikroplastik und Umweltschäden wie z.B. Tankerunglücke, giftige Abwässer und Reaktorunfälle. Darum diskutieren wir den Kohleausstieg in der Energiegewinnung genauso wie den Atomausstieg.
Was will das werden mit unseren Türmen? Mit dem immer schnelleren Fortschritt, dem Wirtschaftswachstum und immer größeren Unterschieden zwischen Arm und Reich? Mit unserer Welt, die fast nur die eine Sprache der Effizienz zu kennen scheint und auf Ausbeutung beruht? Da braucht es ordentlich Erleuchtung und gleich ein paar Geistesblitze.
„Was will das werden?“, fragten zu Pfingsten auch die Menschen in Jerusalem. Die Pfingstgeschichte kennt wie die Turmbaugeschichte eine Vielfalt an Menschen und Sprachen. Sie kennt den Geist der Wahrheit und den Blick für den Auferstandenen. Obwohl sie unterschiedliche Sprachen sprechen, verstehen die Menschen, was die Jünger sagen. Die rühmen die großen Taten Gottes. Und die kann man in jeder Sprache loben.
Der Heilige Geist lässt uns Menschen einander verstehen, obwohl oder gerade weil wir unterschiedliche Sprachen sprechen. Gott stiftet ganz ohne Asphalt eine weltweite, christliche Gemeinschaft. Das ist eine vielstimmige Kirche aus unterschiedlichen Kirchen. Das sind Gemeinden, in denen sich verschiedene Menschen versammeln, um Gott zu loben und zu bitten.
Natürlich sind wir als Christen und Christinnen Teil dieser Welt mit ihren Herausforderungen. Wohin die Reise geht, das wissen auch wir nicht genau. Aber wichtig bleibt das Bemühen umeinander, damit wir hören, was der andere sagen will. Es geht sicher auch um unterschiedliche Meinungen und das Ringen um angemessene Lösungen. Und wer weiß, vielleicht trauen wir unserem Gespür, dass die gelobte Zukunft vor allem mit dem Strom des Heiligen Geistes gespeist wird. Amen.
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Quelle: Jan Rohland

