Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: unsere Glock hat hundert geschlagen
Andacht zum 16. Mai 2021
Das ist ein Wort. Ja, ein großes Versprechen, das Jesus im 7. Kapitel bei Johannes ausspricht. Er spart nicht mit vollmundigen Worten, sondern verheißt: Ich stille euren Durst. Und das soll heißen: Ich stille euren Durst nach Leben, den Durst nach Liebe, nach Sinn, Vergebung, nach Frieden und Gerechtigkeit. „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ (Joh 7,37). Von Jan Rohland

Quelle: Beate Preuss
Liebe Gemeinde!
Das ist ein Wort. Ja, ein großes Versprechen, das Jesus im 7. Kapitel bei Johannes ausspricht. Er spart nicht mit vollmundigen Worten, sondern verheißt: Ich stille euren Durst. Und das soll heißen: Ich stille euren Durst nach Leben, den Durst nach Liebe, nach Sinn, Vergebung, nach Frieden und Gerechtigkeit. „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ (Joh 7,37).
Allein das würde locker für ein großes Versprechen reichen. Doch Jesus fügt sinngemäß noch hinzu: „Ihr werdet nicht nur ein paar Tropfen abbekommen, sondern Ihr werdet so überfüllt sein, dass Ihr überfließt vor Leben. Ihr werdet selbst zu einer Quelle werden und austeilen.“ In den Worten der Lutherübersetzung heißt das: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden [...] Ströme lebendigen Wassers fließen.“
Johannes deutet das Versprechen gleich als Ankündigung des Heiligen Geistes, als Taufe mit Gottes Geist. Darum hören wir zwischen Himmelfahrt und Pfingsten auf die Worte vom Ende des 1. Jahrhunderts. Die Leserinnen des Johannesevangeliums stehen auf der Schwelle zu einer neuen Zeit. Was in Jerusalem und Galiläa geschehen ist, liegt nun schon einige Zeit zurück. Nur noch wenige können davon erzählen. Die christlichen Gemeinden fragen sich: Woran orientieren wir uns? Und wie geht es mit der Botschaft von Jesus weiter?
Auf ganz andere Weise haben sich evangelische Christen vor 200 Jahren das gefragt: Wie geht es weiter? Lutheraner und Reformierte hatten auch in Lützelsachsen jeweils ihre Kirche. Die Reformierten hier in der Weinheimer Straße, die Lutherischen in der Wintergasse – dort, wo sich später die jüdische Gemeinde getroffen hat. Das Lamm Gottes an der Hausfassade erzählt noch heute davon.
Seit dem 16. Jahrhundert waren sie zum Beispiel beim Thema Abendmahl verschiedener Meinung. Nach lutherischem Verständnis musste Christus in Brot und Wein unbedingt leiblich anwesend sein, damit das Sakrament gewiss wirksam ist. Nach reformierter Lesart konnte der Auferstandene nicht gleichzeitig an der rechten Seite seines himmlischen Vaters sein und in den Elementen der Abendmahlsfeier, also Brot und Wein. Daher hatten die reformierten Theologen für ein eher symbolisches Verständnis geworben.
Mit dem Zeitalter der Aufklärung kamen andere theologische und philosophische Ansätze zur Geltung. Die theologischen Unterschiede wirkten nicht mehr so trennend. Und neben den wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach den napoleonischen Kriegen traten sie in den Hintergrund. Auf ganz eigene Weise stellte sich die Frage: Wie geht es weiter mit der Botschaft Jesu Christi? Wie geht es weiter mit der Kirche? Auch wenn die Fragen nicht identisch sind, so hängen sie doch zusammen.
Die Vorteile einer Vereinigung von lutherischen und reformierten Gemeinden kamen vor allem in den Ländern in den Blick, wo es viele Gemeinden der beiden Bekenntnisse gab. So war es auch in Baden. Schon 1771 kam die katholische Markgrafschaft Baden-Baden zur lutherischen Markgrafschaft Baden-Durlach. Die eine Hälfte ist nun katholisch, die andere lutherisch. 1803 wird Baden Kurfürstentum und die reformiert geprägte Pfalz um Heidelberg und Mannheim kommt zu Baden. 1806 wird Baden von Napoleon zum Großherzogtum erhoben und zahlt dafür hohen Tribut an Paris (Tributzahlungen und 7.000 Soldaten für den Rußlandfeldzug).
Das Land Baden wuchs von 1801 bis 1819 flächenmäßig sehr stark. Aus 165.000 Untertanen werden 1,1 Millionen. Das ist eine Verzehnfachung von Fläche und Menschen, bezogen auf die frühere Markgrafschaft Baden-Durlach. Neben einer jüdischen Minderheit gab es zwei Drittel römisch-katholische Christen. Und das eine Drittel Protestanten teilte sich in lutherische und reformierte Gemeinden. Sowohl der Staat als auch die evangelischen Christen fragten sich: Wie kann das zusammen gehen?
Während die Kirchen in manchen deutschen Ländern lutherisch oder reformiert blieben, kamen in einigen Ländern unterschiedliche Modelle der Zusammenarbeit in den Blick. Vor allem in den preußischen Gebieten wurden die Kirchenverwaltungen (Friedrich Wilhelm III.) vereinigt. Die Gemeinden behielten aber überwiegend ihr Bekenntnis.
In Baden, Hessen und der Pfalz schlossen sich die lutherischen und reformierten Kirchen zu unierten Kirchen zusammen. Sie bildeten eine sogenannte Bekenntnisunion. Eine solche Vereinigung schafft eine neue Bekenntnisgrundlage für alle Gemeinden, indem bisher umstrittene theologische Fragen durch neue Bekenntnisschriften oder Katechismen entschieden oder einfach ausgeklammert werden.
Eine Kompromissformel der badischen Unionsurkunde vom Juli 1821 lautet: „Mit Brot und Wein empfangen wir den Leib und das Blut Christi zur Vereinigung mit ihm, unserem Heiland.“ Und zu den Bekenntnisschriften der evangelischen Gemeinden in Baden gehören nun sowohl der Heidelberger Katechismus als auch Luthers Kleiner Katechismus. In der Unionsurkunde ging es um theologische, organisatorische und finanzielle Gesichtspunkte.
In Lützelsachsen gab es mit der Union zur Evangelischen Landeskirche in Baden bald auch eine gemeinsame evangelische Kirche. Schon vorher wurde sie von der lutherischen Gemeinde eine Zeit lang mit genutzt.
Aus der Rückschau war die Union für die evangelischen Gemeinden in Lützelsachsen eine pragmatische und sinnvolle Entscheidung. Unsere Glaubensväter und Mütter haben seitdem nicht nur den Durst nach Leben geteilt, sondern sich weiterhin bemüht, gemeinsam im Geist Gottes zu handeln. Sie hatten eine lebendige Gemeinde in ihrem Dorf im Blick.
Mit etwas Anlauf nach dem ersten Weltkrieg und zum 100-jährigen Unionsjubiläum wurde vor nun 100 Jahren, im Oktober 1921, der junge Kirchturm (von 1908) mit zwei neuen Glocken ausgestattet. Eine von ihnen hat sogar den zweiten Weltkrieg durch den beherzten Einsatz von Lützelsachsener Bürgern überstanden und ruft heute noch zum Gottesdienst.
Als evangelische Gemeinde feiern wir darum in diesem Jahr zwei Jubiläen – 200 Jahre eine evangelische Gemeinde in Lützelsachsen und 100 Jahre Weihe unserer ältesten Glocke. Die fis-Glocke trägt die Inschrift „O Land, Land höre des Herrn Wort“ (Jer 22,29). Darum soll auch an der Kirche ein Banner hängen – zum Lob Gottes und zum Geburtstag für die grande dame in unserem Glockenstuhl.
In größeren Abständen stellt sich die Frage: Wie geht es weiter mit der Botschaft Jesu? Wo weht Gottes Geist? Wie geht es weiter mit unserer Kirche und unserer Gemeinde in unserem Ort? Und welchen Weg weist uns Gott? Dabei ist der Prüfstein, was uns und andere davon erfrischt und überfließen lässt vor Leben. Denn auch, wenn unsere menschlichen Entscheidungen nicht unfehlbar sind, so stehen sie doch für die Suche nach der Quelle für ein gutes Leben für viele.
Im Johannesevangelium geht es um keinen feuchten Händedruck. Das finde ich einen wichtigen Punkt. Jesus kündigt keinen kleinen Vorgeschmack für eine ferne Zukunft an, sondern verheißt den Geist Gottes als Kraftquelle im Hier und Jetzt. Der Geist und der Sinn um Wege zu finden, selbst für andere Quelle zu sein.
Das meint vielleicht nicht in erster Linie die Frage, wie Kirche außerhalb der Ortsgemeinden organisiert ist oder in welcher Tonart eine Glocke läutet. Trotzdem ist beides damit verbunden. Und so ruft uns Gott auch durch unsere 100-jährige Glocke zum Bekenntnis und zum Leben in seinem Geist. Amen.
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Quelle: Jan Rohland

