200 Jahre Landeskirche - 100 Jahre Glockenweihe in Lützelsachsen
unisono - vielstimmig eins
Im Jahr 1821 schlossen sich Lutheraner und Reformierte zu einer "Vereinigten Evangelisch-Protestantischen Kirche im Großherzogtum Baden" zusammen, mit lückenlosem Konsens in den Fragen des Bekenntnisses, des Kultus, der kirchen-rechtlichen Rahmenbedingungen und der Finanzen. Vor 100 Jahren wurde der junge Kirchturm in Lützelsachsen mit zwei neuen Glocken bestückt. Die größere ruft heute noch zum Gottesdienst. Zwei Gründe sind das zum Feiern.

Quelle: ekiba
Wie alles anfing
Der lutherische und der reformierte oder calvinistische Zweig der Reformation entstanden unabhängig voneinander in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Versuche, die beiden Zweige zu vereinen, scheiterten insbesondere wegen unterschiedlicher theologischer Lehren über das Abendmahl (vgl. dazu etwa das Marburger Religionsgespräch 1529 zwischen Martin Luther und Ulrich Zwingli).
Im Laufe des 18. Jahrhunderts, bedingt durch alternative philosophische Ansätze im Zeitalter der Aufklärung, verflachten diese theologischen Unterschiede. Mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die die napoleonischen Kriege verursacht haben, traten die theologischen Differenzen endgültig in den Hintergrund und die möglichen Vorteile einer Vereinigung in den Vordergrund. So kam es am Anfang des 19. Jahrhunderts in einigen Gebieten Deutschlands zu Kirchenunionen beider protestantischer Konfessionen. Auch in Baden, Hessen und der Pfalz schlossen sich die lutherischen und reformierten Kirchen zu unierten Kirchen zusammen (Unionsurkunde von 1821).
Einige Kirchen schlossen sich zu einer sogenannten Verwaltungsunion zusammen, andere bildeten eine Bekenntnisunion. Bei einer Verwaltungsunion werden nur die Kirchenverwaltungen vereinigt, die einzelnen Gemeinden behalten aber ihre unterschiedlichen Bekenntnisse (lutherisch, reformiert oder uniert). Eine Bekenntnisunion wie in Baden schafft eine neue Bekenntnisgrundlage für alle Gemeinden, indem bisher umstrittene theologische Fragen durch neue Bekenntnisschriften oder Katechismen entschieden oder einfach ausgeklammert werden.
Wie ist es in Baden?
Für die Evangelische Landeskirche in Baden hat die Unionsurkunde im Juli 1821 die Differenzen im Sakramentsverständnis der badischen Reformierten und Lutheraner beigelegt. Sowohl der Heidelberger Katechismus als auch Luthers Kleiner Katechismus gehören nun zu den Bekenntnisschriften der evangelischen Gemeinden in Baden.
Die Unionsurkunde atmet bis heute prägende Ideen wie "Unterschiede können gleichwertig sein", "Differenzen sind produktiv" oder "zur Freiheit des Glaubens gehört die Heiligung des Lebens, das gesellschaftliche Engagement von Christen und Kirche."
... und in Lützelsachsen
In Lützelsachsen gab es damit auch bald eine gemeinsame evangelische Kirche und nicht mehr eine reformierte Kirche (Weinheimer Straße) und eine
lutherische Kirche (Wintergasse, später jüdisches Bethaus). Während des ersten Weltkrieges mussten zwei Glocken der Kirche, die Glocke auf dem Rathaus und auf dem Schulhaus als Kanonenmetall abgeliefert werden.
Der Kirche blieben zwei Glocken erhalten: die 1794 von Speck in Heidelberg gegossene d"-Glocke und die 1874 von Hamm in Frankenthal zur 100-Jahrfeier 1883 gefertigte ais-Glocke. Da der Zusammenklang der beiden Glocken nicht günstig war, wurden die d"-Glocke eingeschmolzen und zwei neue
Bronze-glocken (fis und cis) bei Firma Schilling in Apolda im Werte von 39 040 Mark bestellt. Das war nur durch eine großzügige Spende der Bürgermeisterwitwe Koch und durch eine Sammlung im Ort möglich geworden.
Zum 100-jährigen Geburtstag der Badischen Union wurde der junge Kirchturm (von 1908) im Oktober 1921 mit den beiden neuen Glocken ausgestattet. Die fis-Glocke trägt die Inschrift "O Land, Land höre des Herrn Wort" (Jer 22,29). Wenigstens sie konnte vor dem Einschmelzen während des zweiten
Weltkrieges durch den entschlossenen Einsatz des Bürgermeisters Friedrich Mildenberger und des Zimmermanns Valentin Jöst bewahrt werden. Bis heuteruft sie mit den neueren Glocken zum Gottesdienst und läutet den Sonntag ein.
Weitere Informationen unter www.unisono2021.de oder www.ekiba.de/landeskirche-gemeinden/unisono-200-jahre-ekiba/

