Ausdauer konnten und können wir üben. Eigentlich hätten wir schon vor einem Jahr die erste Jubelkonfirmation in der Corona-Zeit gefeiert. Doch heute feiern wir gleich doppelt Jubelkonfirmation. Die Geschichte Ihrer Konfirmationsjahre kann man natürlich unterschiedlich erzählen. Von Jan Rohland
Durch die Wolken
Andacht zur Jubelkonfirmation (9.5.21)

Quelle: Beate Preuss
Liebe Jubelkonfirmanden und Konfirmandinnen! Liebe Gemeinde!
Ausdauer konnten und können wir üben. Eigentlich hätten wir schon vor einem Jahr die erste Jubelkonfirmation in der Corona-Zeit gefeiert. Doch heute feiern wir gleich doppelt Jubelkonfirmation. Einige von Ihnen sind vor 25 und 26 Jahren konfirmiert, andere vor einem halben Jahrhundert bis vor 81 Jahren oder mehr.
Wenn wir an Ihre Konfirmation denken, dann schwingt eine ganze Menge mit. Allein die Jahre Ihrer Konfirmation umfassen so einiges. Das ist eine Spanne von 1940 bis 1996, vor 81 oder mehr Jahren bis vor 25 Jahren.
Die Geschichte Ihrer Konfirmationsjahre kann man natürlich unterschiedlich erzählen. Zum Beispiel vom zweiten Weltkrieg über den Sieg der Alliierten, die Wiedervereinigung Deutschlands bis in die Mitte der 90er Jahre.
Man kann 1940 auch bei der Filmsatire „Der große Diktator“ von Charlie Chaplin anfangen. Kann erzählen, wie 1951 die erste Langspielplatte mit 33 1/3 Umdrehungen pro Minute vorgestellt wurde. Wie Elvis Presley 1955 zum ersten Mal im amerikanischen Fernsehen auftritt, 1956 Freddy das Lied »Heimweh« singt. Dass 1965 der Film „Doktor Schiwago“ uraufgeführt wird und Roy Black singt: „Du bist nicht allein“. Wie Heinz Schenk und Lia Wöhr 1966 die neuen Gastgeber der Unterhaltungsshow »Zum Blauen Bock« geworden sind und Drafi Deutscher im selben Jahr singt: »Marmor, Stein und Eisen bricht«. 1970 trennen sich die Beatles und Jimi Hendrix stirbt. Ein Jahr später (1971) singt Tony Marshall das Lied „Schöne Maid“. 1995 verhüllen Christo und Jeanne-Claude den Reichtag in Berlin und Vangelis ist mit „Conquest of Paradise“ einer der TOP-Hits. Ein Jahr später, 1996, singt die Band „The Fugees“ den Hit „Killing Me Softly“ und Andrea Bocelli mit Sarah Brightman „Time to Say Goodbye“, während Borussia Dortmund deutscher Meister wird.
Oder man fängt die Geschichte damit an, dass es 1940 die ersten Nylonstrümpfe zu kaufen gab. 1941 der erste Mensch mit Penicilin behandelt wurde und Konrad Zuse die Rechenmaschine Z3 vorstellte. Dass 1946 die Versorgung mit Lebensmitteln sehr schwierig war. Der Schwarzmarkt blühte. US-Präsident Harry S. Truman 1950 die Wasserstoffbombe bauen ließ. Ein Jahr später (1951) gab es in der politische Debatte in den USA lautstarken Antikommunismus und Verschwörungstheorien. Nach Senator McCarthy ist die ganze Ära benannt und gilt als Beginn des kalten Krieges. Man kann sich erinnern, dass 1955 in den USA ein Impfstoff gegen Kinderlähmung getestet wurde und bei Volkswagen der Millionste VW Käfer gebaut wurde. Vor 56 Jahren, 1965, bewegte sich der erste Mensch außerhalb einer Raumkapsel im All. DDR-Rentner durften nun auch ins sogenannte nichtsozialistische Ausland reisen. In Pforzheim wurde die weltweit erste elektronische Briefsortieranlage eingesetzt. Vor 55 Jahren dann, 1966, behauptete John Lennon von den Beatles „Wir sind jetzt populärer als Jesus.“ (»We’re more popular than Jesus now.«) Naja. Und von der Mondsonde Lunar Orbiter 1 wurde das erste Bild gefunkt, auf dem die Erde zu sehen ist, wie sie über dem Mond aufgeht. 1970 fiel Willy Brandt vor dem Ehrenmal des Warschauer-Ghettos auf die Knie. 81,9 % votierten für den Verbleib Badens bei Baden-Württemberg. Vor 50 Jahren dann wurde die erste Sendung mit der Maus ausgestrahlt. Daimler-Benz meldete den Airbag als Patent an. Vor 26 Jahren wurde Windows 95 veröffentlicht. Die Staats- und Regierungschefs der EU einigten sich auf den Euro als gemeinsame Währung. (Drei Jahr später wird er eingeführt.) Post und Telekom wurden privatisiert. 1996 wurde Jan Philipp Reemtsma entführt, das Clon-Schaf Dolly geboren.
Oder man erzählt von den Jahren vor allem mit dem Blick auf Lützelsachsen. Nach OKR D. Ernst Julius Schulz wurde Hans Peter Kohler Pfarrer in Lützelsachsen. 1946 finanzierte die Evang. Kirchengemeinde die Krankenstation. Die AWO Lützelsachsen wurde gegründet. 1950 wurden in Lützelsachsen neue Glocken eingeholt und Glockenweihe gefeiert. Ein Jahr später (1951) wurde hier in die Kirche eine neue Heizung eingebaut, 1956 die Nähschule geschlossen. Der Entwurf eines Kanalisationsplanes wurde vom eigenständigen Gemeinderat Lützelsachsen angenommen. Neun Jahre später, 1965, wurde das neue Schulhaus eingeweiht. 1970 war Neubeginn der Evangelischen Jungschar. 1972 kam eine neue Orgel. 1995 ein neuer Pfarrer: Wolfgang Böhmig (nach Fritz Joecks und Hans-Michael Uhl). Der Dachstuhl der Kirche wurde im selben Jahr saniert. Der Weltladenverein „Ökumenische Aktion Helfende Hand Eine-Welt-Laden e.V.“ wurde gegründet. Und 1996 wurde der Frauenverein 100 Jahre alt.
Eine ganz andere Geschichte erzählt das biblischen Buch Jesus Sirach, das zu den Spätschriften des Alten Testaments gehört. Wir haben es vorhin als Lesung gehört. Jesus Sirach erzählt von seiner Zeit und auch von den Jahren Ihrer Konfirmation. Vielleicht überrascht Sie das. Doch obwohl die Worte schon viel früher geschrieben wurden, bin ich fest davon überzeugt, dass sie für jede Zeit gelten. Denn auch in diesen Jahren hat Gott geholfen ohne Ansehen der Person. Hat Gott diejenigen angenommen, die ihm dienen. Und an so manchem Lebensstil hat er Wohlgefallen gefunden.
Doch einige von uns werden auch die Erfahrung gemacht haben, dass sie ohne Trost geblieben sind. Dass ihre Bitten an Gott ungehört verhallt sind. Nicht wenige von Ihnen mussten ihre Partnerin oder ihren Partner beweinen.
Viele waren in die Welt hinausgezogen, hatten eine Lehre gemacht, wenige haben studiert, eine Stelle gefunden oder den Haushalt gemanagt. Ein Teil wird sich über Kinder und sogar Enkel freuen.
Von den vielen Erfahrungen, die wir machen, beschreibt Jesus Sirach einen der herrlichsten Momente. Und der schreibt für ihn die Geschichte, die ihm die wichtigste ist. Er beschreibt, wie ein Gebet bis in die Wolken reichen kann. So leicht kann ein Gebet sein, obwohl manchmal auch schwere Gedanken und Bitten darin verborgen sind. Das Gebet ist für Jesus Sirach die Art und Weise, wie man Gott etwas mitteilt und ihm anvertraut. Keine Rakete, kein Flugzeug und kein Luftballon kann es dahin tragen. Getragen ist das Gebet von unserem Glauben. Der Kraft, dem Vertrauen, das uns mit Gott verbindet. Und das braucht manchmal auch, dass wir hartnäckig und stiernackig sind.
Nach den Tagen, an denen es in diesem Frühjahr kalt und alles unter einer dichten Wolkendecke war, ist es ein herrlicher Moment, wenn der Himmel aufgeht, die Sonne scheint und es endlich warm ist. So wie heute, wenn wir Jubelkonfirmation feiern und der Boden noch feucht ist von herrlichem Regen. So einen Moment beschreibt Jesus Sirach.
Jes Sir 35,21-22a: Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.
Bei meiner Recherche bin ich noch auf etwas gestoßen. Wussten Sie eigentlich, dass der Bayerische Rundfunk schon vor 65 Jahren, 1956, den ersten Werbespot im deutschen Fernsehen ausgestrahlt hat? Jesus Sirach wirbt schon etwas länger. Er wirbt für das Gebet, weil es bis in die Wolken vordringt und sogar durch die Wolken zu Gott dringt. Und Jesus Sirach wirbt für die Ausdauer, die Demut und das Vertrauen, die das Gebet bis dahin tragen. Denn dadurch kann uns, so bekennt er es, Trost und Gerechtigkeit zufallen wie frischer Regen auf trockenem Land. So kann sich der Himmel öffnen und uns den Blick auf die Geschichte Gottes öffnen.
Vielleicht erinnern Sie sich heute, wie wir als Konfirmanden losgestolpert und losgestöckelt sind in ein Leben, in dem wir mit jedem Tag etwas erwachsener und weiser geworden sind. Unseren Konfirmationsspruch haben wir seitdem als leichtes Gepäck dabei. Wir haben uns immer wieder mal gefragt, was uns froh macht. Wofür wir dankbar sind. Was noch offen ist. Welche Menschen uns wichtig sind. Und für wen wir beten möchten.
Okay, ein paar Tage sind seitdem vergangen und das ein oder andere Haar ist ab und zu auch grau wie die Wolken. Ich erinnere mich an Zeiten, da haben sich viele Seniorinnen die Haare bläulich gefärbt. Diese Geschichte würde Jesus Sirach vermutlich auch nicht erzählen, sondern die vom blauen Himmel. Vom Himmel, der sich öffnet. Vom Moment, wenn das Gebet durch die Wolken dringt. Und Gott Trost spendet. Solch berührende Momente schenke uns Gott immer wieder. Amen.
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Quelle: Jan Rohland

