Der Auferstandene am See von Tiberias

Andacht zum 11. April 2021

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Der Auferstandene am See von Tiberias (Joh. 21, 1-14)

Liebe Gemeinde,

die Geschichte von Jesus, dem Auferstandenen, am See Tiberias, zählt für mich zu den Texten im NT, die mich besonders hoffnungsvoll und optimistisch stimmen.

Warum? Weil es in der Geschichte um Erfahrungen geht, die wir in unserem Alltag so oder ähnlich schon oft erlebt haben. Ich denke an geplatzte Träume, an die Erfahrung des Scheiterns und an den damit verbundenen Schmerz. Sie erzählt aber auch von Neuanfängen, von neuen Ideen, neuen Perspektiven, die neue Möglichkeiten eröffnen. Diese Mischung macht den Text auch heute, im Jahr 2021, so lebensnah, so menschlich und so gut nachvollziehbar. Folgen Sie mir doch einfach…

Scheitern und Neuanfänge: Die Jünger sind zurück in Galiläa. Aber für sie fühlt es sich falsch an, wieder hier zu sein, am See Genezareth. Hier, wo vor nicht einmal drei Jahren, die Wanderschaft mit Jesus begann. Sie sind wieder zurück am Anfangspunkt. Sie sind in ihrer Heimat, ja – aber nicht zu Hause. Sie zeigen sich lieber nicht bei ihren Familien. Halten sich versteckt, so wie letzte Woche in Jerusalem. Die Menschen in ihren Dörfern kennen sie und wissen, dass sie Jesus gefolgt waren. Vielleicht werden sie ja auch von den Römern gesucht. Die Jünger fühlen, dass sie gescheitert sind.

Dabei ist es nur ein paar Tage her, dass Jesus, der Auferstandene, bei ihnen war. Jesus stand plötzlich unter ihnen, aber sie hatten ihn nicht gleich erkannt. Erst seine Stimme, seine Worte und seine Gesten ließen ihre Zweifel verfliegen. Sie aßen dann gemeinsam und alles war so wie früher. Mut und Zuversicht hatten sie verspürt. Aber nach wenigen Tagen nur, scheint der Neuanfang mit Jesus vorbei und vergessen.

„Was sollen wir denn jetzt tun?“, fragen sich die Jünger. Von Jesus ist weit und breit nichts zu sehen Die alltäglichen Sorgen sind dafür wieder da – eigentlich schlimmer als zuvor. Die Gruppe hat kein Geld, nichts zu essen und ehrlich gesagt, auch keine blassen Schimmer, wie es weitergehen soll. Petrus ergreift die Initiative und sagt zu den anderen: „Ich will fischen gehen.“ – „Gut, dann kommen wir mit.“ Die Jünger gehen also wieder ihrem alten Broterwerb nach, was sollten sie auch anderes tun. Von irgendetwas müssen sie ja leben. Ein Neuanfang, ja, aber einer von der Art, der aus der Not geboren ist und sich ganz anders darstellt als von den Jüngern erhofft.

Und das Ergebnis ihrer nächtlichen Ausfahrt. Nichts. Null. Nada. Nothing. Die Jünger fangen in dieser Nacht, keinen einzigen Fisch. Traurig, frustriert und hungrig steuern sie das Boot zurück zum Ufer. Wieder ein Scheitern – und dabei kennen sie ihr Handwerk. Zumindest Petrus und Andreas, sein Bruder, verstehen es doch, zu fischen!

Da steht am Strand unerwartet und überraschend eine fremde Person. Im freundlichen Ton ruft sie den Männern in ihrem Boot zu: „Kinder, habt ihr nichts zu essen? Habt ihr nichts, was euch satt macht? Nach der langen vergeblichen Nacht hungert ihr?“

Ganz offen und ohne Ausflüchte kommt ihr „Nein – wir haben nichts“. Mehr brauchen sie nicht zu sagen. Denn der, der sie fragt, weiß um das Gefühl von Leere und Trostlosigkeit. Er weiß um die Resignation, die sich in ihren Herzen wieder eingenistet hat.

Der Fremde schickt sie noch einmal hinaus auf den See. An einer anderen Stelle, und – ganz wichtig – rechts vom Boot sollen sie dieses Mal ihr Netz auswerfen. Es passiert Unglaubliches: Das Netz ist prall gefüllt mit lauter großen Fischen. Arbeit, die sich lohnt. Was für ein Glück - was für ein Erfolg!

Und dann – endlich – erkennt Johannes den Fremden am Ufer. „Es ist der Herr“, ruft er aus. Jetzt sieht auch Petrus klar. Er springt ins Wasser, krault Jesus, dem Fremden am Ufer, mit langen Zügen entgegen. Vorher zieht es sich aber noch seinen Umhang wieder an. An Bord des Bootes, zur Arbeit, war er nackt. Aber nackt will er dem Herrn nicht gegenübertreten. Vielleicht nagt das schlechte Gewissen an ihm – wegen seines Verrats im Hofe des Hohepriesters. Ein persönlicher Neuanfang mit Jesus!

Am Ufer brennt schon ein Feuer. Jesus erwartet die Jünger und hat ihnen sogar ein Frühstück zubereitet. Er hat Brot und Fische besorgt und die liegen nun frisch geröstet für sie bereit. An diesem Morgen sind sie wieder zusammen, nach einer langen, dunklen und zunächst erfolglosen Nacht. Neue Zuversicht stellt sich bei den Jüngern ein. Keiner wagt zu fragen: „Ist es der Herr?“ Das braucht es nicht. Die Jünger sehen, hören, spüren und wissen es: Jesus ist bei ihnen an diesem wunderbaren Morgen – zum dritten Male seit seiner Auferstehung.

Neuanfänge bieten neue Möglichkeiten: Vergebliche Nächte und vergebliche Tage gehören zum Leben dazu – als Kind, als Erwachsener, als Kollege, als Elternteil – in der Schule, im Beruf, im Sport. Vergebliche Nächte und Tage sind fester Bestandteil unseres Lebens. Bei genauerem Hinsehen sind sie manchmal viel zahlreicher als wir uns selbst und anderen eingestehen wollen.

Was ist im Netz geblieben von der Jugendzeit, von der Schul- und Studienzeit, von den langen Jahren im Beruf und in der Familie oder im ehrenamtlichen Engagement? Wir alle kennen es, wenn das Netz nach einer langen Nacht oder einem mühevollen Tag leer aus dem Wasser kommt. Was ist geblieben vom Alltag, dem vollen Terminkalender? Könnte es sein, dass am Ende eines Lebens zwar tausend kleine Erfolge verbucht werden konnten, diese aber trotzdem nur ein leeres Netz ergeben?

In der Geschichte wird mehrfach ein neuer Anfang gemacht. Der ehemalige englische Premierminister, Winston Churchill (1874-1965), soll einmal gesagt haben: „Man wird im Leben hinfallen, aber dann darf man nicht liegenbleiben, sondern man muss wieder aufstehen. Die Kunst ist es, einmal mehr aufzustehen als man umgeworfen wird.“ Die Jünger folgen dem Tipp des fremden Mannes am Ufer. Sie fahren noch einmal auf den See hinaus zum Fischen. Nun aber werfen sie ihr Netz auf der anderen Seite ihres Bootes aus. Sie wagen etwas Neues und – sie haben Erfolg.

Manchmal genügt ein einfacher Tipp von außen, um die scheinbar bekannte Welt mit anderen Augen zu sehen, neue Perspektiven einzunehmen und sich damit neue Möglichkeiten zu erschließen. Wenn man bisher sein Netz immer auf der einen Seite seines Lebensbootes ausgeworfen hat und es nun leer bleibt. Dann gilt der Zuruf Jesu: Wirf dein Netz doch einmal auf der anderen Seite aus. Und bleibe gespannt, was dann passiert. Neue Perspektiven können neue Möglichkeiten, neue Chancen bieten.

Und schließlich gefällt mir an unserem Text besonders: der österliche Gedanke

Die Geschichte zeigt, dass wir am Morgen danach nicht alleine sind. Der auferstandene Jesus ist da, schlicht und einfach da, unerwartet und überraschend. Nach einer enttäuschenden Nacht oder nach einer vergeblichen Fahrt auf dem See. Unser Leben bringt sicher viel Mühe und Arbeit mit sich – aber am Ende sollte für niemanden das traurige Gefühl bleiben, mit leeren Händen, mit einem leeren Netz dazustehen. Für jeden von uns, glücklich erfüllt oder gefühlt unvollendet, wartet am Ende der Nacht der auferstandene Jesus. Sicherlich auch am Ende unserer letzten Nacht, der Nacht unseres Todes. Jesus steht, wenn es wieder Morgen wird, am Ufer des Sees und erwartet uns. Das bedeutet Ostern: die Umkehrung der Reihenfolge von Leben und Tod in die Abfolge vom Tode zum Leben. Das ist unsere österliche Hoffnung, die uns im hier und jetzt, an jedem einzelnen Tag tragen soll und Kraft gibt, einmal mehr aufzustehen als man umgeworfen wurde. Amen.

Datei zum Downloaden