Lasst uns tanzen!

Andacht zum Osterfest, 4. April 2021

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Gemeinde!

Der verstockte Pharao jagt mit seinem Heer den Israeliten hinterher. So beginnt ein neues Kapitel der entscheidenden Rettungsgeschichte Israels. Der Predigttext steht im 2. Buch Mose. Im 14. Kapitel wird erzählt, wie sich Israel fürchtet und in Todesangst zu Gott ruft (vgl. im Folgenden Ex 14,8-14.19-23.28-30a; 15,20-21). Und dann, wie die Israeliten Mose wehklagen: „Es wäre besser für uns, in Ägypten zu dienen, als in der Wüste zu sterben.“ (V.12) Mose antwortet: „Fürchtet euch nicht“, geht nicht unter in eurer Angst. Sondern „steht fest. Seht, was Gott heute für euch tun wird.“ (V.13). Er „wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.“ (V.14).

Der Engel Gottes stellt sich hinter Israel und hält ihnen den Rücken frei (V.19), Gott lässt das Meer zurückweichen (V.21) und Israel wird durch die Todesgefahr hindurch gerettet. Die tödliche Gefahr, die Rosse und Wagen der Ägypter, weist Gott in seine Schranken. Und am Ende singen Mirjam und alle Frauen mit Pauken. Sie tanzen zum Lob Gottes (Ex 15,20-21).

Das bedrohliche Meer ist zur Grenze zwischen Tod und Leben geworden. In Ägypten waren sie Sklaven und durch das Meer ist Israel in die Freiheit entlassen. Es ist wie ein Grabstein, der an die vergangenen Tränen erinnert, und wie ein Denkmal für die Lebensfreude steht.

Der Text aus dem Alten Testament gehört zu den Rettungserzählungen und steht für die befreiende Kraft des lebendigen Gottes Israels. Auch in der Begegnung mit Jesus haben Menschen gespürt, dass er in ihre ausweglose Situation kommt und sie heilt, wundervoll handelt, in Streitgesprächen um die Wahrheit ringt und aus Angst und Verzweiflung rettet.

Die Reihe der Befreiungsgeschichten gilt zuerst dem Volk Israel und durch Jesus uns Christen. Dazu gehört auch die Osterbotschaft. Das Kreuz ist wie ein Grenzstein. Als Grabstein erinnert es an die Tränen der Jünger, die Verzweiflung der Frauen, die Lebensgefahr für diejenigen, mit denen Jesus zusammen war. Und als Gedenkstein erinnert es uns an die Grenze des Todes, die Hoffnung auf ein gutes Leben für alle Menschen, und an das ewige Leben, zuerst für Jesus.

Damit setzt sich fort, was Jesus schon vorher gelebt hat. Regeln müssen von Liebe getragen sein und zu einem freien und gerechten Leben führen. Zu einem Leben ohne Angst vor dem Tod.

Zur Zeit kann einem der Mut sinken. Manchen wird bange. Die Mehrheit lechzt laut Umfragen dem gelobten Land des Impfstoffs entgegen. Doch so sehr wir uns bemühen, der Abstand wird nur sehr langsam kleiner. Wie am Gummiband laufen wir und der Pharao hält uns fest. Andere wollen mitten zwischen den Wänden aus Wasser lieber ohne die harten Einschränkungen leben. Doch, so meine Meinung, da müssen wir durch, sonst gehen wir unter. Nach Ägypten, nach früher geht es ohne Corona nicht zurück. Nur vorwärts geht es. Und am besten geht es mit frischem Mut und Gelassenheit.

Ich weiß, der Mut könnte eine Auffrischung vertragen. Bei mir auch. Und auch die Sorgen können wir nicht einfach vergessen. Unsere Freiheiten wollen wir nicht einfach begraben. Aber wir können uns auch nicht einfach auf den Weg setzen und uns weigern weiterzugehen. Gott liebt das Leben, die Freiheiten und teilt mit uns die Sorgen. Er wird zu uns stehen, wie er Israel durch die Gefahr gerettet hat.

Ich finde es existentiell wichtig, dass es nicht nur leckeres Essen und edle Getränke gibt, dass nicht nur profane Genüsse so manche irdische Not ertragen lassen. Sondern dass es auch himmlische Dinge gibt, die meinem Leben Leichtigkeit und Gelassenheit verleihen, die mir Luft verschaffen, wenn ich am Boden klebe und alles zäh ist.

Sicher, auch nach Ostern bleibt es so, dass unser Leben auf der Erde erst weiter und irgendwann zu Ende geht und wir sterben. Doch die Beziehung zu Gott bleibt für immer bestehen. Das ist die Osterbotschaft. Gott weist den Tod schon jetzt in die Schranken und hält unser Leben für immer in der Hand. Die Grabsteine auf dem Friedhof erinnern uns daran, dass unser Leben endlich ist. Und sie verweisen oft auch auf die Zukunft. Wir sind getauft, sind zum Leben berufen.

Ich hab von einer Trauerfeier-Tradition gelesen, die es zum Beispiel in der Oberpfalz gibt. Auch in New Orleans soll es sie geben. Die Trauergemeinde wird auf dem Weg zum Grab von einer Blaskapelle begleitet. Sie spielt einen Trauermarsch. Alle laufen mit schweren Herzen und langsamen Schritten zum Grab. Nachdem der Sarg im Grab versenkt ist und der letzte Segen gesprochen ist, dreht sich die Kapelle um und geht. Vor dem Friedhof fängt sie wieder an zu spielen. Doch jetzt ist es keine getragene Musik mehr, sondern fröhliche Musik, damit die Menschen zurück ins Leben tanzen.

Seit Ostern tanzt Christus und wir werden mittanzen. Ein Bild von Giovanni Domenico Tiepolo vom auferstandenen Jesus fängt diese fröhliche Leichtigkeit ein. So ist er auf einem Deckengemälde der Kirche San Polo in Venedig zu sehen.

Vielleicht können Sie sich Christus so lebendig vorstellen. Seine langen lockigen Haare reichen bis zu seinen starken Schultern. Wie vom Trampolin springt er in der Luft und scheint schwerelos. Den Weg zum Grab hat er sich geschleppt, vom Grab her tanzt er. Die rechte Hand hält er cool und segnend mit drei Fingern in die Höhe. Mit der anderen Hand hält er die rot-weiße Siegerfahne, die er lässig auf der Schulter trägt. Der Fahnenstoff spricht Bände. Seiner Form nach ist Jesus am Höhepunkt angelangt. Seine Auferstehung ist eine entscheidende Rettungsgeschichte. Darum tanzt er den Siegestanz über den Tod. Und ich stell mir vor, wie Mirjam und alle Frauen und Männer mit Pauken und Trompeten mittanzen – zum Lob Gottes.

Darf ich bitten?
Amen.

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