Siehe, meinem Knecht wird's gelingen

Andacht zum 2. April 2021, Karfreitag

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Gemeinde!

Heute ist ein besonderer Gedenktag. Wir erinnern an den Tod Jesu. Und das war schon für seine Freunde ein empfindlicher Moment. Entstellt und geschunden hängt Jesus am Kreuz. Einsam ruft er in die Stille hinein: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Für seine Jüngerinnen und Jünger geht die Welt unter. Es zerreißt ihnen das Herz.

Auch heute ist es eine Zumutung. Auch heute kann man nichts tun. Es ist zu spät für einen kühnen Befreiungsschlag, eine Entführung des Gefangenen, die Aufklärung des Justizirrtums. Gottes Sohn wird verachtet und leidet als verurteilter Verbrecher große Schmerzen.

Dabei hatte es so verheißungsvoll angefangen. Jesus hat anregend und kraftvoll von Gott erzählt. Die einen fanden´s herrlich erfrischend, die anderen abstoßend. Er hat die Schwachen gestärkt und die Kranken geheilt. Er hat den Schwachen Mut gemacht und ihnen in der Ohnmacht beigestanden. Und er hat die Starken um Mitgefühl gebeten. Doch viele von ihnen hatten Angst vor Veränderung.

In einem schnellen Prozess wurde Jesus verurteilt, abgeführt und die Todesstrafe vollzogen. Stille und Angst herrschte bei seinen Anhängern.

Ich stell mir vor, dass sie fassungslos warten. Bestimmt haben sie nicht einmal geahnt, was sie nun an Gutem erwarten können. Außer, dass auch ihr Schmerz nachlässt und aufhört. Darauf haben sie gewartet. Schlimme Stunden durchleben sie. In Todesgefahr erwarten sie ihre eigene Verhaftung und verstecken sich.

Wo jemand wartet, gibt es von irgendetwas zu wenig – zu wenig Sinn, zu wenig Helfer oder zu wenig Impfstoff. Der Mangel an Hilfe, das erschütterte Vertrauen, die Erfahrung des Scheiterns. Das alles riecht nach Stillstand und ist zähes Ringen um den eigenen Lebenswillen. Da stellt sich die harte Frage: Was macht jetzt überhaupt noch Sinn?

Wer im eigenen Leid Sinn findet, der tut das eher im Rückblick und dem gelingt eine hohe geistliche Übung. Aber welchen Sinn soll man schon im Leid eines anderen erkennen können?

So geht es auch den Jüngern. Frühestens am Grab Jesu können die Jüngerinnen und Jünger damit beginnen, sinnvoll nach dem Wozu zu fragen. Im Schmerz kann der Sinn nicht liegen. Nur das überwundene Leid, der gelinderte Schmerz, der gestillte Durst birgt Sinn und Leben in sich.

Der Auferstandene selbst hat den Jüngern und Jüngerinnen den Weg gezeigt. Und so erkennen sie mit ihren Tränenaugen etwas, was sie vorher noch nicht sehen konnten. Im Jesajabuch gibt es Textabschnitte über einen Knecht Gottes. Die ersten Christen finden in diesen Worten wieder, wie es Jesus ergangen ist und was sein Leid bedeuten könnte. Bei Jesaja im 52. und 53. Kapitel kommen sie Jesus auf die Spur (52,13-15; 53,1-12):

Jes 52,13 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14 Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder –, 15 so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. [...]
53,3b Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
8b Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war.
11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.

Bei Jesaja ist offen, ob er eine Gruppe meint oder einen Einzelnen. Doch die ersten Christen erkennen darin Jesus. Das Gesicht hatten sie vor ihm verborgen. So eine Zumutung war sein entstellter Anblick. Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob Gott ihn geschlagen hat. Der Verachtete hat weit mehr Krankheit und Schmerzen getragen als ein Mensch anderen zufügen kann. Und da blitzt auf, wie dieses Leid Sinn machen könnte. Stellvertretend und aus freien Stücken hat der Knecht Gottes für uns Krankheit und Schmerz ertragen und wurde aus dem Land der Lebendigen herausgerissen. Jetzt versetzt er die Völker in Staunen.

Die Worte bei Jesaja wirken auf die ersten Christen wie ein Spiegel. Sie versuchen zu denken, wie Menschen durch fremde Wunden geheilt werden können, und fragen: Könnte das vielleicht der Plan Gottes sein? Uns zu zeigen, wo wir Menschen uns gegenseitig Schmerzen zufügen und zum Bösen beitragen? Dass Gott ausbadet, was andere verantworten? Damit wir nicht stur an unserer Position festhalten, sondern erschreckt fragen: Was tun wir eigentlich?

Wenn das stimmt, dann heißt das: In unseren Herzen kann Frieden werden, wenn wir mit Gott auf menschliche Einsicht hoffen und auf heilende Trauer. Und wenn Gott uns Gerechtigkeit zurechnet, dann wird aus Mangel Fülle und aus Warten erfüllte Zeit.

Amen.

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