Augen auf
Andacht zum 7. März 2021

Quelle: ekilue
Liebe Gemeinde!
Zur Zeit genieße ich es richtig. Ich kann zum Bäcker gehen ohne mich erst zu rasieren. Das sieht man unter der Maske gar nicht. Und wenn es schön kalt ist, dann kann ich die unzähmbaren grauen Strähnen auch einfach unter meiner Mütze verstecken und einkaufen.
Okay, es ist anstrengend, alles an den Augen der anderen abzulesen, unter der Maske laut genug zu brüllen. Und auch die abstehenden Ohren tun weh, wenn die Schlaufen zu kurz sind. Und die Hörgeräte fallen haufenweise runter, weil sie am Brillenbügel oder Maskenbändel hängen bleiben.
Anderes ist recht entspannt. Die meisten Schüler können im T-Shirt und Schlafanzughose zum Unterricht. Ich weiß gar nicht, ob wir den Normalstress auf Anhieb wieder verkraften würden. Und Familien können sonntags auf einem Gerät sogar im Gottesdienst sein und die Kinder auf dem anderen die Sendung mit der Maus schauen (die wird heute 50 Jahre alt). Einiges davon werden wir vielleicht schon bald vermissen oder manches davon bleibt. Wir werden sehen.
Im Evangelium für den Sonntag geht es darum, was wir in den Blick nehmen. Ob wir auf die Einschränkungen achten oder ob wir uns mit Leichtigkeit auf den Weg machen und das Ziel nicht aus dem Blick verlieren. Im Lukasevangelium Kapitel 9 geht es um Menschen, die Jesus folgen und sich für Gottes Reich einsetzen. Jesus sagt ihnen: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (V.62). Und das muss wohl heißen ganz oder gar nicht. Nicht vorwärts fahren und nach hinten schauen. Sondern: Augen auf im Straßenverkehr. Augen auf im Leben.
Den Predigttext aus dem Epheserbrief haben wir gehört (Eph 5,1-9). „Ahmt Gott nach. Folgt ihm nach als geliebte Kinder. Wandelt in der Liebe, wie Christus uns geliebt hat.“ Damit das nicht nur schön klingt und abstrakt bleibt, beschreibt der Epheserbrief, was er damit meint. Er schärft den Blick dafür, wie Jesus aus seiner Liebe heraus gehandelt hat und sich als Licht der Welt gezeigt hat. Und das ist doch irgendwie überirdisch. Er hat seine Jünger und Jüngerinnen geliebt und sich für sie in Gefahr begeben. Er ist nicht davongelaufen, hat seine Verhaftung und sein Leiden nicht verhindert. Sondern hat Gott und Menschen versöhnt, damit seine Jünger davonkommen.
Aus dieser Sicht auf Gott und die Welt gewinnt der Epheserbrief seinen Schwung und versucht das Augenmerk darauf zu richten, wie man selig werden kann. Wir Menschen sollen keine finsteren Dinge tun, sondern als Kinder des Lichts leben. Sollen nicht Unzucht treiben, nicht gierig immer mehr haben wollen, nicht Blödsinn reden oder herabsetzende Witze machen. Unseren Dank sollen wir zum Ausdruck bringen. Wir sollen uns nicht von leeren Versprechungen täuschen lassen. Das zählt der Epheserbrief auf. Nicht um Spielverderber zu sein, sondern um eine Richtung zu zeigen. Denn das alles galt als heidnisch. So sollen die Christen nicht leben. Ganz oder gar nicht.
Lebt und „wandelt als Kinder des Lichts. Die Frucht des Lichts ist lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (V.9).
Das Leben fühlt sich ja nicht immer wie im Licht an. Es kommt vor, dass man sich schon am Morgen fragt, ob nicht schon Abend sein könnte. Es gibt Nächte, da wartet man darauf, dass endlich die Sonne aufgeht. Und manchmal weiß man gar nicht, wie man alles schaffen soll. Dann den Epheserbrief zu lesen, verstellt wahrscheinlich den Blick auf sein Ziel.
Dem Brief geht es nämlich nicht um Einschränkungen. Sondern darum, für andere Vorbild zu sein und ihnen den Weg zum Leben zu zeigen. Das können uns Europäern auch Menschen vom anderen Ende der Welt zeigen. Zum Beispiel Frauen aus Vanuatu, dem Inselstaat zwischen Australien, Neuseeland und den Fidschiinseln. Sie haben in diesem Jahr den Weltgebetstag vorbereitet. Der Meeresspiegel steigt, ihnen steht das Wasser bei gewaltigen Stürmen bis zum Hals. Sie fragen: Worauf bauen wir?
Das hat schon Jesus gefragt. Er hat in jedem Menschen die Sehnsucht nach Halt gesehen. Ihn hat nicht abgeschreckt, wenn Menschen verachtet und verloren waren, Prostituierte oder Zöllner. Im Gegenteil, gerade zu ihnen ist er gegangen. Er hat versucht, ihre Sprache zu sprechen und ihnen zu zeigen, wie sie als Kinder des Lichts leben können.
Dieses Wandeln in der Liebe bleibt unsere Aufgabe. Martin Luther hat das vor genau 500 Jahren so beschrieben: „Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles.“ (Martin Luther in: Grund und Ursach aller Artikel (1521).
In der Sendung mit der Maus heißt das dann oft: „Klingt komisch, is aber so.“ Und jetzt stellen Sie sich vor, wir können uns im Herbst nicht nur von Auge zu Auge, sondern von Angesicht zu Angesicht sehen. Dafür würde ich mich rasieren. Bleiben Sie frisch und munter!
Amen.
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Quelle: Jan Rohland

