Das Lied ist ein Schock

Andacht zum 28. Februar 2021

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext (Jes 5,1-7) ist schon ein Schock. Erst fängt das Lied Jesajas verheißungsvoll an und überrascht dann gleich doppelt. Jesaja beginnt ein Lied und singt von idealen Bedingungen. Er singt von seinem liebsten Freund. Und der hat einen fetten, fruchtbaren Hügel. So wie er für einen Weinberg sein soll. Immer genug Sonne, der Boden genau richtig, nicht zu feucht, nicht zu trocken.

Der Freund gibt sich alle Mühe. Er bearbeitet den Hügel und pflanzt die besten Reben, die er bekommt. In die Mitte baut er eine Kelter für die Ernte. Er duldet keine Disteln und achtet darauf, dass keine Tiere die jungen Triebe fressen. Er wartet auf Trauben. Er sieht sie wachsen. Doch welch Überraschung und enttäuschende Wendung in Jesajas Lied. Der Weinberg bringt nur schlechte Trauben. Ein Teil geht kaputt, der andere Teil taugt nichts.

Was nichts taugt, davon gibt es viel. Arbeit ohne davon satt zu werden. Ein Plattenspieler, für den es keine Platten gibt. Ein Gasthaus, wenn keine Gäste kommen. Ein Konzertsaal, der leer bleibt. Ein eigenes Geschäft ohne Umsatz. Da überlegt sich bestimmt der ein oder andere, ob er sich einen anderen Arbeitsplatz suchen soll. Genauso wenig taugt ein Gemeindehaus, in dem kein Leben ist. Wir alle hoffen, dass das nur auf Zeit ist.

Auf einmal richtet sich der Weingärtner direkt an die Bewohner Jerusalems und Juda. Sie sollen beurteilen, was er noch für gute Trauben hätte tun können. Enttäuscht fragt er: Warum hat mein Weinberg schlechte Trauben gebracht? Wenn er nichts taugt, beklagt der Weinbauer, dann macht ein Zaun keinen Sinn und auch keine Mauer. Dann können die Tiere den Weinberg kahl fressen und Menschen ihn platt treten. Keiner braucht hacken, schneiden und Unkraut entfernen. Und Regen macht auch keinen Sinn. Darum überlegt der Weingärtner, dass er den Wolken verbieten will, dass sie ihre kostbaren Tropfen auf den Weinberg rieseln lassen. Und spätestens da wird klar, dass das Lied ein Gleichnis ist und Gott der Weinbauer. Niemand anderes kann den Wolken gebieten, wo sie regnen.

Dem Weingärtner ähneln die betrogene Ehefrau, der enttäuschte Stellenbewerber, wir, wenn einer unserer Träume platzt, die Eltern, deren Erziehung nicht gefruchtet hat. Alles versucht, mit dem Latein am Ende, alles für die Katz. Das ist bitter.

Was liegt da näher als davongehen und den Partner verlassen, sich nicht mehr bewerben, abschließen und das eigene Geschäft aufgeben, den Kontakt zu den Kindern abbrechen und den Weinberg dem eigenen Schicksal überlassen und schweigen?

Doch Jesaja schweigt nicht. Er überrascht seine Hörer schon wieder. Der Weinberg Gottes das sind die Nachkommen Israels. Seine zwölf Stämme und – darauf vertrauen Christen – auch alle, die auf Gott vertrauen wie Abraham und Sara, Isaak und Rebekka und Jakob.

Jesaja sagt auch, was Gott, der Israel hegt und pflegt, erwartet und was er an Ernte wachsen sieht. Er wartet auf Gerechtigkeit und sieht Schlechtigkeit. Für Jesaja ist demnach jeder einzelne an der ein oder anderen Stelle wie ein Weinberg, auf dem einfach keine Früchte wachsen wollen. Ich denke an gemeinsames Versagen beim Klimawandel, an riesige Müllberge, giftige Kommentare und Gewalt. Genauso gehört der Schmerz über unsere persönlichen Versäumnisse dazu, wenn wir unseren Idealen nicht gerecht werden, wenn wir lügen und zu Unrecht schweigen.

Ja, aus dem Lied vom Weinberg spricht der Kummer, wenn einfach nichts wachsen will. Und man möchte sagen: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit.“ (Ps 25,6). Denke doch an alle Orte, an denen Kummer herrscht, an alle Weinberge und Felder, auf denen nichts wächst. An alle Menschen, die daran leiden, dass ihre Mühe nicht fruchtet und nur saure Trauben wachsen. Denke an alle Menschen, die verfolgt werden, Christen im Irak oder Syrien, in Nigeria oder Nordkorea, an religiöse Minderheiten auf unserer Welt, an Menschen, die vor dem Krieg ausreißen.

Doch das ist nicht alles. Jesaja schweigt nicht, sondern singt dieses leidenschaftliche und schockierende Lied von Gott und seinem Weinberg, damit sich etwas ändert. Jesajas liebster Freund, das ist Gott. Von ihm singt der Prophet und will daran erinnern, was Gott uns verheißt. Er gibt uns mit auf den Weg: Denkt daran, was Gott investiert an positiver Energie, an Liebe und gutem Willen. Lasst diese Kraft zur Geltung kommen und achtet aufeinander.

Das ist auch im Evangelium für diesen Sonntag zu greifen. Da bekennt der Evangelist Johannes (Joh 3,16-17): „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“

Fast 700 Jahre nach Jesaja erzählt wieder ein Prophet von Weinbergen und Arbeitern im Weinberg. Vom Weinstock und seinen Reben. Jesus predigt den Neubeginn und lebt die Barmherzigkeit Gottes. Von dieser Güte leben wir. Es ist der Dünger, aus dem Vertrauen und gute Früchte wachsen. Das kann keiner befehlen, sondern nur fördern durch Kraft, Liebe und Besonnenheit. Amen.

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