Unsere Nacht

Andacht zum 21. Februar 2021

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Gemeinde!

„Und es war Nacht.“ Diese Worte könnten zu einem romantischen Liebesfilm passen. Sie könnten auch dafür stehen, wenn Freunde in einer lauen Sommernacht von früher erzählen. Und wie leicht wäre es durchzubuchstabieren, was für schöne Nächte es gibt. Auf einem Festival unterm Sternenzelt tanzen, nach dem Kino oder nach dem Konzert ganz erfüllt noch in eine gemütliche Bar gehen.

Doch stellen Sie sich vor, da taucht in der Predigtvorbereitung eine Tür auf. Darauf steht: Ernste Fragen. Ich öffne die Tür und schwuppdiwupp bin ich in einem anderen Film. Es ist wie die Faszination eines Krimis, wie ein Mensch so etwas tun kann. Das Johannesevangelium beschreibt nämlich eine ganz andere Nacht. Wir haben den Predigttext vorhin gehört (Joh 13,21-30).

Judas läuft durch die dunkle Nacht. Gerade noch lag er mit Jesus und seinen Mitjüngern zu Tisch beim Essen. Und Jesus hatte tief erschüttert etwas Unvorstellbares angekündigt: einer seiner Jünger, einer seiner treuen Freunde wird ihn verraten. Judas lag gleich neben Jesus. Und Petrus hatte Judas fragen lassen, ob Jesus weiß, wer das tun wird. Mit einer ganz liebevollen Geste nimmt Jesus einen Bissen Brot und reicht ihn Judas.

Manches muss man probieren. Das gilt auch beim Essen. Vieles muss man im Leben sogar versuchen, um zu schmecken und sich zu entscheiden. Doch hier geht es um eine besondere Erfahrung. Denn manches ist man versucht zu tun, obwohl es sicher Schmerz bringen wird, obwohl es schadet – mir selbst und anderen. Um diesen ganz speziellen Fall geht es.

Judas, der Kassenwart mit dem Geldbeutel, hat das Brot von Jesus genommen und gegessen. Und schon bald treibt es ihn hinaus in die Nacht. Nun steht er allein im Finstern. Und ich stell mir vor, dass auch er nicht so recht weiß, was in ihn gefahren ist. Plötzlich hat sich in den schönen Abend ein bitterer Wermutstropfen gemischt.

In seinem Evangelium berührt Johannes knifflige Themen. Während er erzählt, wer etwas tut und was er sagt, stellt Johannes insgeheim ernste Fragen und versucht Antworten. So zitiert Jesus einen Vers aus Psalm 41 (V.10). Der lautet: „Der mein Brot aß, tritt mich mit Füßen.“ Johannes verbindet diesen Vers mit Jesus und Judas. Der eine reicht seinem Jünger einen Bissen Brot. Und der geht hinaus, um seinen Meister zu verraten. Damit erzählt Johannes von einem Plan, nach dem alles geschieht. Durch Gottes Wort ist alles geschaffen und beschlossen. Und so erfüllen sich auch Worte aus der Heiligen Schrift, die längst geschrieben sind. Zum Heil und zum Unheil. So stellt es sich Johannes vor.

Was feststeht und was uns bestimmt, das beschreiben wir heute eher damit, was in unserer DNA verankert ist, was wir erlebt und welche Entwicklungsschritte wir bewältigt haben. In der Theologie, Ethik und Philosophie kennen wir den Willen des Menschen und brauchen zum Leben unsere freie Entscheidung für das eine oder das andere. Und so fragen wir: Ist das so? Folgt alles einem unausweichlichen Plan? Und inwieweit ist es vorherbestimmt, wenn eine leichte Sommernacht in Verrat und einsamen Stunden endet?

Diese ernsten Fragen verlangen nach Antworten, die keiner leicht geben kann. Und auf einen grünen Zweig führt wahrscheinlich ausgerechnet der Blick auf Judas. Am ersten Sonntag der Passionszeit hören wir, wie Johannes von dieser Nacht und von Judas erzählt. Es ist wie eine unheilvolle Ahnung, wenn Jesus durch ein Stück Brot seinem Verräter vergibt und seine eigene Gefangennahme ankündigt. Die Ahnung, dass es kein gutes Ende haben könnte mit Jesus in Jerusalem. Ein Hinweis auf Karfreitag.

Judas ist in die Nacht hinausgestolpert und geht immer mehr verloren. Judas mag seinen Meister verraten haben, weil er von ihm enttäuscht ist. Oder er ist scharf auf die 30 Silbermünzen, die ihm angeboten werden. Und er könnte genauso durch irgendetwas gekränkt sein. Vielleicht ist er sogar zornig, weil Jesus nicht zum Aufstand gegen die Römer ruft. Möglicherweise meint Judas, der politischen Wahrheit zu dienen, wenn er Jesus verrät. Für Johannes steht fest: Judas dient der Wahrheit, dient Gott. Er ebnet Jesus und sich selbst den Weg ins Unheil. Und – das will Johannes auch sagen – Judas ebnet auch den Weg zum Heil der Welt. Theologen und Dichter haben sich darum durch die Zeiten hindurch die ernste Frage gestellt, ob der Verrat durch Judas nicht ein ganz wichtiger Teil auf dem Weg zum Heil ist.

In unserer westlichen Welt gibt es ein ganz positives Menschenbild. Und das hat erst einmal sein Recht. Danach ist im Grunde jeder Mensch gut und jeder kann seine Meinung sagen, egal was es ist. Ich denke, dieses Bild ist erschüttert. Denn nicht nur in autoritären Staaten ohne Pressefreiheit nehmen es Präsidenten mit der Wahrheit nicht so genau. Sondern auch in einer westlichen Demokratie hat ein Präsident Dinge behauptet, ohne dafür einen Beweis zu liefern und hat demokratische Grundprinzipien infrage gestellt. Daran wird klar, dass auch demokratische Staaten keine Selbstverständlichkeit sind. Sie brauchen die Gewissheit und die Unterstützung ihrer Bürger. Und sie brauchen Respekt voreinander.

Dem widerspricht, wenn Menschen ohne Filter Dampf ablassen. Wenn sie sich gegenseitig scharf machen und aus Worten dann auch Taten werden, die anderen das Leben kosten. So wie Judas Jesus mit einem Kuss verrät.

Doch mit dem Finger müssen wir auch auf uns zeigen. Schädliche Vorstellungen und böse Worte haben nicht nur die anderen. Auch wir verraten eigene Ideale, geben einem Verlangen nach, sagen die Unwahrheit. Das soll nicht klein machen, sondern unser Ansporn sein. Das Fromme, das Friedliche, das Fair-Play in uns sollen wir stärken. Und mit unseren Nächsten sollen wir gnädig umgehen.

Durch Gottes Wort ist alles geschaffen. Und beschlossen ist, dass Gott zum Guten in unsere Nacht kommt und uns beisteht.
Amen.

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