Nimm du das Kind
Andacht zum 2. Weihnachtsfeiertag 2020
Manches was wir sehen, wirkt ganz vertraut. Doch wenn wir genau hinschauen, dann bemerken wir überraschende Unterschiede. Stellen Sie sich zum Beispiel Queen Elisabeth II. vor, die eine Rede hält, in der es auch um den Brexit geht. Und zufällig trägt die Königin ein Kostüm in ultramarinblauer Europafarbe. Das ist eine Botschaft, die nur derjenige sieht, der Augen dafür hat.

Quelle: Beate Preuss
Auch das Bild hier sieht nach einer vertrauten Krippendarstellung aus. Eine Menge Engel mit wehenden Gewändern, rohe Hirten und ganz vorn im Bild liebevoll gemalte Blumen mitten im Winter. Und Ochs und Esel schmatzen Heu und Stroh. Und klotzen verständnislos auf die versammelte Menge von erregten Wesen, die plötzlich in ihrem Stall steht. Das alles ist vertraute Bildsprache.
Trotz allem ist es doch ein hartes Bild. Das Christkind liegt nicht auf Stroh in der Krippe im Stall. Ist nicht in Windeln gewickelt. Sondern schutzlos und nackt liegt es auf dem blanken Boden zwischen Josef und Maria auf der einen Seite und den Hirten auf der anderen Seite.
Alle, die sich hier versammeln, feiern vorbildlich Weihnachten. Sie treffen sich im Freien, halten Abstand zwischen den Haushalten. Und fast scheint es, dass das Kind ansteckend sein könnte. Doch das Virus, die Kraft die Jesus ausstrahlen wird, steckt später ganz anders die Menschen an als das Virus, das uns heute erstarren lässt.
Schon der Evangelist Lukas hat die widrigen Umstände beschrieben, unter denen Jesus geboren wurde. Der Maler hier hat überzeichnet, wie unerträglich und existentiell die Menschwerdung ist. Mir ist in den Sinn gekommen, was Gott zu Adam sagt (Gen 3,19): „Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ Erde und Himmel kommen hier zusammen, Gott und Mensch, Leben und Tod.
Über den irdischen Maler ist nicht viel bekannt. Hugo van der Goes war einer der größten Maler seiner Zeit. Erst mit seiner Aufnahme in der Malergilde Lucas in Gent beginnt sein öffentliches Leben. Das war am 4. Mai 1467. Acht Jahre später (1.11.1475) wird er Augustinerbruder und tritt in ein Kloster (Roode Clooster) unweit von Brüssel ein. Noch einmal 6 Jahre später, 1481, reist er mit einigen Brüdern nach Köln. (Auf der Rückreise erleidet er einen Anfall und ringt mit Selbstmordplänen.) Ein Jahr später 1482 stirbt Hugo van der Goes.
Dieser begnadete Maler zeigt uns einen ungewöhnlichen Blick auf Weihnachten. Es ist die mittlere Tafel des Portinari-Altars, heute in den Uffizien in Florenz zu sehen. Jede Einzelheit wirkt überlegt. Nichts ist einfach so gemalt.
Es ist schwer mit anzusehen, warum keiner das Kind auf den Arm nimmt – weder die rohen Hirten, noch die Engel, weder Josef noch Maria ihr eigenes Kind. Der Säugling liegt am Boden und alle anderen versammeln sich um den Heiland.
Maria wirkt in sich gekehrt, konzentriert sich auf das, was sie mit ihren Augen nicht sehen kann. Ins Gebet vertieft ist sie ihrem Kind zugewandt, hält aber Abstand. So als würde sie dem nachspüren, was da geschehen ist. Ihre Hände formen ein Herz und wirken staatsmännisch, also staatsfrauisch wie bei einer bekannten Politikerin. (Ich meine nicht die englische Königin.)
Der reife Josef ist warm gekleidet und steht versteckt hinter einer Säule. Er scheint etwas zu erbitten. Etwas, was viel zärtlicher ist als seine rohen Hände. Etwas, was sie nicht fassen können.
Die Hirten ruhen nicht in sich. Sie sind in Bewegung, wirken herbeigeeilt. Haben sich gerade erst hingekniet. Einer hat die Hände schon gefaltet. Der nächste legt gerade die Hände ineinander. Der Dritte muss erst mal schauen, was da eigentlich los ist, da vorn. Bis in die Fingerspitzen hinein wirken die Hirten erregt.
Die Hirten tragen Alltagskleidung, Maria und Josef haben edle Gewänder. Die Balken über den Hirten gehören zu einem Unterstand, die Säule zwischen Maria und Josef zu einer Kirche? Die einen sind versunken, die anderen außer Atem. Die einen nachdenklich, die anderen zupackend. Sie hätten sich nie verabredet.
Doch das Kind verbindet verschiedene, ganz unterschiedliche Menschen. Sie sind verbunden durch die Botschaft: „Euch ist ein Kind geborn“. Dieses Kind auf dem Erdboden verbindet Himmel und Erde, verbindet damals und heute. Verbindet Gottesdienst im Gebet und Gottesdienst im Alltag.
Dazwischen tragen die vielen Engel ganz unterschiedliche Kleider. Manche knien wie die Hirten am Boden. Andere stehen wie Josef und Maria. Wieder andere fliegen herbei. Und alle halten Abstand von den Menschen und voneinander. Die blauen Engel von den weißen und von den gekrönten Erzengeln. Haushalt von Haushalt.
Zwei Fragen sprechen aus diesem Bild. Die Frage: Wer nimmt das Stroh macht endlich das Bett in der Krippe? Und die Frage: Wer erbarmt sich endlich und nimmt das Kind?
Nimmst du das Kind? Das haben sich viele Eltern und Großeltern in den letzten Wochen gefragt. Der Kindergarten zu, Schulklasse in Quarantäne, Opa und Oma gehören zur Risikogruppe. Wer nimmt das Kind? Es muss doch irgendwo hin. Das alles kann in diesem Jahr mitschwingen, wenn wir das Bild betrachten.
In ausweglosen Situationen Gottes Hilfe und Engel zu entdecken, dafür brauchen wir viel Phantasie. Hier auf dem Bild sehen wir sie einfach so. Die Engel, die den ewigen Himmel und unsere Erde in Verbindung halten, die Gott uns zur Hilfe schickt und sagen: „Komm, irgendwie schaffen wir das. Schau dir Josef an und teil mit ihm sein Vertrauen. Schau dir Maria an und nimm dir von der Ruhe, die sie ausstrahlt. Schau dir die Hirten an und nimm dir an ihren bewegten Herzen ein Beispiel. Werde vom Zuschauer zum Handelnden. Geh in das Bild hinein und nimm dieses Kind an. Es ist Immanuel, unser Heiland.“ Dann legt Josef den Arm um seine Frau und sagt so vor sich hin: „Seht die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde, kommt und ist für alle da.“ Und die Engel singen: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen.“ Amen.

