Macht hoch die Tür

Andacht zum 1. Advent

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Gemeinde!

Worte entfalten immer wieder einen unterschiedlichen Klang und lassen je nach Kontext – mal das eine mal das andere anklingen. So hat der Adventsruf „Macht hoch die Tür“ im Herbst ´89 auch nach göttlicher Bestätigung geklungen: „Ja, es ist gut die Mauer einzureißen und die Grenzen aufzumachen.“

Heute klingt der Ruf vielleicht nicht nur für Fastnachtsmuffel eher nach: Nimm doch die Maske ab.“ Doch auch wenn es gut ist, seine Meinung zu sagen und für seine Überzeugung einzustehen, so leben wir heute nicht in einem Ein-Parteien-Staat. Und jeder kann seine Meinung sagen, ohne dass er staatliche Repressionen befürchten muss.

Das Adventslied „Macht hoch die Tür“ nimmt Psalm 24 auf, der den Herrn der Heerscharen besingt, der stark ist und mächtig im Streit. In unserem Predigttext klingt es ganz ähnlich. Und doch klingt darin etwas anderes an. Ich lese aus dem Buch des Propheten Sacharja im 9. Kapitel (Sach 9,9-10):

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Der Prophet Sacharja spürt vielleicht Angst und Sorgen. Möglicherweise gibt es Gewalt und Krieg. Denn gegen die Gewalt von Reitern erhebt Sacharja seine Stimme und proklamiert, dass das letzte Wort Gott hat. Gott wird seiner Macht alles unterwerfen, kein Feldherr, kein Reiterheer und kein König.

Gott, der zum Teil wie ein König auf seinem Schlachtross wirkt, der Wagen und Rosse zerstören will, tauscht sein Leibpferd gegen einen Esel. Und das hat Konsequenzen. Er muss alles ablegen, was Schutz bietet und dem Angriff dient. Er wäre sonst zu schwer für den Esel. Er muss sich schutzlos, ohne Schwert und Bogen, den Wagen und Reitern entgegenstellen und aus einer anderen Autorität heraus Frieden gebieten.

Als Sacharja das gesagt hat oder nicht lange danach, hat Alexander der Große mit seinem Schlachtross und seinem Heer ein Land nach dem anderen bis zum Hindukusch unterworfen. Fast zweihundert Jahre lang hatte das jüdische Gemeinwesen unter persischer Hoheit ein friedliches Auskommen. Nun bläst der wind of change und nicht nur in Jerusalem kommt die bange Frage auf: Auf welche Seite sollen wir uns schlagen? Entscheiden wir uns für den falschen, ist uns die drakonische Strafe durch den Sieger sicher. Sollen wir auf den griechischen Eroberer setzen oder auf die persische Oberherrschaft? Alexander oder Artaxerxes III?

In dieser Situation, in der es um die Zukunft geht, hört der Staat Juda den Herold Sacharja rufen: ‚Derjenige, der wirklich dein König ist, tritt anders auf als die Gewaltherrscher, die dir Angst machen.‘ Mit seiner Vision lenkt Sacharja den Blick vom Schlachtross zum Reit- und Lasttier des einfachen Mannes und damit auf eine ganz andere Kraft als rohe Gewalt. Weder im Streitwagen wie der Perserkönig noch hoch zu Ross wie der Makedonier, sondern auf einem einfachen Esel kommt der Gerechte und arme Gerettete. Auf einem Esel, der auch mal störrisch stehen bleibt. Einer Eselin, mit der man es nicht eilig haben sollte, aber am Ende doch ans Ziel kommt.

In dieser Gestalt, die da auf dem Eselsfüllen in Jerusalem einzieht, ist Gott selbst am Werk. Er steht dafür, dass Kriegswagen und Kavallerie abgeschafft werden sollen. Dieser König der Welt richtet den Friedensappell Gottes aus – an die ganze Welt.

Auch in diesem Advent hat die Botschaft ihren Klang. Egal ob die USA oder China die Oberhand im Handelskrieg gewinnen, ob der Iran oder Saudiarabien, Rußland oder die Türkei den größeren militärischen Einfluss im Nahen Osten haben und vielleicht sogar egal, ob Donald Trump oder Joe Biden im Weißen Haus sitzt, es kommt nicht auf diese Machtkämpfe an, sondern auf den kommenden Gott und seinen Friedensweg. Darum sollen wir nicht verzagen oder an der Politik verzweifeln, sondern sie mitgestalten. Wir sollen den Weg bereiten für Gott als König und seine Lebensordnung.

Das Evangelium für den ersten Advent erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem. Unter den Augen der römischen Besatzungsmacht kommt er mit einem Dutzend Leute und auf einem Eselsfüllen in die große Stadt Jerusalem geritten. Und das kommt so manchem Bewohner doch irgendwie bekannt vor. Als so ein besonderer König, wie es Sacharja ein knappes halbes Jahrhundert vorher gesehen hat, bezeugt Jesus Gottes Willen.

Mit diesem Text vom Einzug in Jerusalem klingt am ersten Adventssonntag Vorfreude und weise Vorausschau mit. Noch bevor wir die Geburt Jesu feiern, geht es um seine Botschaft. Denn Jesus verzichtet auf die königlichen Insignien der Gewalt. Er verzichtet im Warten auf Gottes Reich, auf Reichtum und kommt arm daher. Nicht in der gepanzerten Limousine, nicht mit Maskerade zieht er in Jerusalem ein. Sondern so wie er ist, kommt er daher. Und gerade weil ihm die Welt gehört, ist sein ökologischer Fußabdruck so schmal, dass möglichst viel Leben für alle möglich ist. Denn ihm geht es um echte Begegnung und das Überwinden von Grenzen und das Leben.

Tochter Zion, Tochter Jerusalem, Ihr Kinder Gottes, habt keine Angst, wenn Ihr in die Zukunft schaut. Freut euch und bereitet euch vor. Nicht auf die letzte Schlacht, sondern auf Gott, der den Völkern Frieden verordnen wird und seine Herrschaft, die bis zu den Enden der Erde reichen wird.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, / eu’r Herz zum Tempel zubereit’. /
Die Zweiglein der Gottseligkeit / steckt auf mit Andacht, Lust und Freud; /
so kommt der König auch zu euch, / ja, Heil und Leben mit zugleich. /
Gelobet sei mein Gott, / voll Rat, voll Tat, voll Gnad. (EG 1,4)

Amen.

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