Gottes Reich ist unter uns

Wochenandacht ab 8. November

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Predigt zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres über 1. Thessalonicher 5,1-6

von Walter Pfefferle

Liebe Gemeinde,

„da kannst du warten bis zum Jüngsten Tag“, hört man Menschen sagen, wenn sie ausdrücken wollen, dass etwas sehr, sehr lange dauern wird. Und es schwingt dabei unterschwellig auch der Verdacht mit, das erwartete Ereignis könnte überhaupt nie eintreten. Um den Jüngsten Tag, von Paulus „der Tag des Herrn“ genannt, geht es auch im Predigttext für den heutigen Sonntag. Doch lassen Sie uns zunächst ein paar einleitende Gedanken dazu machen:

Der Tag des Herrn, oder eben auch der Jüngste Tag war in alten Zeiten eine wichtige Vorstellung, die das Leben und Handeln der Menschen maßgeblich bestimmt hat. Uns heute ist die Vorstellung oft fremd und dient allenfalls noch für den gedankenlosen Gebrauch in einem abgedroschenen Spruch.

Aber, worum geht es dabei eigentlich? Mit dem Tag des Herrn ist ein Tag gemeint, an dem Gott sichtbar und massiv ins Weltgeschehen eingreift und eine grundlegende Wende herbeiführt. Der Tag des Herrn ist der Tag des Gerichts über alle Bösen. Er endet für sie mit Verurteilung und Verdammnis. Für alle Gerechten dagegen, ist es der Tag des Triumphs. Endlich siegt das Gute. Die Vorstellung vom Tag des Herrn taucht schon bei den Propheten des Alten Testaments auf. Und bereits der erste schriftliche Beleg dieser Vorstellung klingt höchst dramatisch: Beim Propheten Amos heißt es: Wehe denen, die des Herrn Tag herbeiwünschen! Denn des Herrn Tag ist Finsternis und nicht Licht, gleichwie wenn jemand vor dem Löwen flieht und ein Bär begegnet ihm, und er kommt in ein Haus und lehnt sich mit der Hand an die Wand, so sticht ihn eine Schlange! Ja, des Herrn Tag wird finster und nicht licht sein, dunkel und nicht hell. Das ist Dramatik fast wie in einem Action-Film: Man flieht vor dem Löwen und trifft auf den Bären, man flüchtet ins Haus und, als man sich gerade gerettet wähnt, beißt einen die Schlage.

Die Vorstellung wird später zu einem sogenannten apokalyptischen Weltbild ausgebaut. Nach diesem Weltbild steht der Tag des Herrn oder der Jüngste Tag unmittelbar bevor. Dieser Tag ist das Ende der alten Welt. An diesem Tag wird sich alles in der Welt radikal ändern. Das Alte vergeht in Plagen und Katastrophen und Neues entsteht: „Siehe ich mache alles neu“, heißt es in der Offenbarung des Johannes, ein neuer Himmel und eine neue Erde werden entstehen, das neue Jerusalem kommt vom Himmel auf die Erde herab. Nach manchen apokalyptischen Ansichten wird es sogar eine große, finale Schlacht zwischen Gott und den Mächten des Bösen geben, und am Ende werden die Guten siegen. So ist die Schlacht bei Harmagedon für die Zeugen Jehovas wichtiger Bestandteil ihrer Theologie. Die Vertreter einer apokalyptischen Sichtweise hatten seit jeher Sinn für Dramatik und starke Bilder. Ihre Vorstellungen vom Tag des Herrn sind bis heute höchst vital und scheinen eine geradezu unwiderstehliche Faszination auszuüben. Künstler jedweder Art ließen und lassen sich von diesen Bildern inspirieren und der Kampf von Gut und Böse ist Thema unzähliger Werke in Literatur und Filmgeschäft.

Vor dem Hintergrund dieser Vorstellung vom Tag des Herrn ist unser Abschnitt aus dem 1. Thessalonicherbrief zu verstehen. Der Apostel Paulus bedient sich ebenfalls einer bilderreichen Sprache und schreibt im 5. Kapitel, Verse 1-6:

Von den Zeiten aber und Stunden, liebe Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es besteht keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen, wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen. Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.

Der Tag des Herrn und wie lange er wohl noch auf sich warten lässt, - diese Frage stellt sich für den Apostel Paulus genauso wie für Jesus. Beide waren sie Kinder ihrer Zeit. Sie dachten selbst im Rahmen eines endzeitlichen Weltbildes. Insofern überrascht es nicht, wenn wir bei beiden apokalyptische Vorstellungen finden. Jesus rechnet mit dem baldigen Anbruch des Jüngsten Tages. Er redet von den Tagen des kommenden Menschensohnes, einer endzeitlichen Figur, die man später mit Jesus selbst gleichgesetzt hat. Und auch Paulus geht in seinem Brief an die Thessalonicher davon aus, dass er selbst den Anbruch des Jüngsten Tages wohl noch erleben wird. Heute, fast zweitausend Jahre später wissen wir, dass sie sich geirrt haben. Der Jüngste Tag ist noch immer nicht gekommen und in unserem Weltbild ist er eigentlich auch nicht mehr vorgesehen. Wir gehen davon aus, dass die Zeit immer weitergeht. Und selbst wenn die Menschheit unterginge, würde unser Sonnensystem noch Jahrmillionen oder -milliarden weiterbestehen.

Jesus, aber, löst diesen Zwiespalt ganz wunderbar auf, wie wir es vorhin in der Schriftlesung gehört haben. Er führt uns aus dem Dilemma zwischen der Endzeiterwartung und der quälend langen Wartezeit. Eine geradezu geniale Auflösung dieses Knotens gelingt Jesus, indem er den Tag des Herrn mit dem Reich Gottes gleichsetzt.

Und er sieht dieses Reich Gottes nicht als jenseitige Zukunftsvision, sondern bereits als Realität. Das Reich Gottes ist mitten unter euch, sagte er seinen staunenden Zuhörern.

Das ist für mich der zentrale Denkanstoß für heute: Der Jüngste Tag, der Tag des Herrn, oder besser die Vollendung des Reiches Gottes geschieht vielleicht nicht in einem plötzlichen Ereignis, sondern wird das Ergebnis einer langen Entwicklung sein. Ich persönlich stelle mir das so ähnlich vor wie mit der Schöpfung. Sie ist ja auch nicht das Ergebnis der Schöpfertätigkeit Gottes an wenigen Tagen, sondern Resultat eines endlos langen Prozesses. Gott hat sich dabei die Kräfte der Natur und deren Gesetze, wie beispielsweise die Evolution, zu Nutze gemacht. So sehe ich es jedenfalls. Und Gottes Schöpfung ist auch nicht abgeschlossen, sondern sie entwickelt sich stetig weiter. Die Parallelen zur Durchsetzung des Reiches Gottes sind für mich sehr plausibel.

Und das Wunderbare ist, dass wir aufgefordert sind, dabei mitzuwirken. Deshalb erzählt Jesus uns Gleichnisse wie jenes vom Barmherzigen Samariter, in dem ein Fremder alles andere außer Acht lässt, Nächstenliebe und Barmherzigkeit übt, und dem Leidenden großzügig und umfassend hilft. Wo ein Fremder dem Fremden hilft, ist Gottes Reich da. Wir sollten das stets bedenken, auch im Blick auf unsere beschämend kleinlichen Hilfen für die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln. Wo Menschen geheilt und befreit werden, da ist Gottes Zukunft bereits Gegenwart. Im Horizont dieses Gestalt annehmenden Reiches Gottes lasst uns leben. Lasst uns dieses Reich ausbreiten. Es wird wachsen wie ein Samenkorn. Auch wenn es scheinbar untergeht, wird es ein großer Baum werden und neues Leben ermöglichen. So hat Jesus gepredigt: trotz seiner Endzeit – Erwartung ganz und gar der Gegenwart zugewandt. So wie Martin Luther, der sagt: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Jesus ist mit seiner Haltung zwei Gefahren begegnet, die von einer endzeitlichen Erwartungshaltung ausgehen. Die eine Gefahr ist der Fanatismus: Allzu leicht lassen sich Menschen durch apokalyptische Bilder verführen. Sie ziehen wie die IS-Terroristen in den Heiligen Krieg und werden zu Mördern im Namen Gottes, wie vermutlich auch der Attentäter von Wien.

Die andere Gefahr der Endzeit - Erwartung ist das Vertrösten: Ich kann doch nichts tun. Dem großen Schauspiel des Welttheaters kann ich nur hilflos zuschauen. Irgendwann wird Gott selbst die Sache richten. Ich bleibe passiv und warte auf Gottes jenseitiges Eingreifen. – Jesus stellt sich beiden Gefahren in den Weg: Er ist voller Begeisterung, aber nie fanatisch. Er wählt den Weg des Friedens und zieht nicht in die Schlacht. Zugleich macht Jesus die Menschen mobil. Er fordert sie zur Tat und zum Mitmachen heraus. Voller Leidenschaft kämpft er gegen den Tod, auch gegen den Tod der Passivität. Der Apostel Paulus hat es mit denselben Gegnern zu tun. Auch er muss die Fanatiker der Endzeit bezähmen und die Vertröster auf die Endzeit mobilisieren. Deshalb mahnt er: „Der Tag des Herrn kommt wie der Dieb in der Nacht“ und sagt den Fanatikern damit: Nicht ihr müsst den Tag des Herrn herbeizwingen. Er kommt auch ohne euer zutun. Und er mahnt zugleich die Vertröster: Lasst uns nicht schlafen, „sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.“ Das ist die richtige christliche Haltung: ohne Fanatismus aber bereit zur Tat.

Der Tag des Herrn – nicht wenige Christen sahen in der Machtergreifung Hitlers den Anbruch eines neuen, eines besseren Zeitalter. Selbst den Brand der Synagogen in der Pogromnacht morgen vor 82 Jahren bedachten sie noch mit Beifall. Diese Christen waren weder nüchtern geblieben, noch haben sie gewacht. Sie waren vielmehr sturzbetrunken von Hass und Fanatismus. Verblendet waren sie in die Irre gegangen –und viele Millionen Menschen bezahlten das mit dem Leben. Die Pogrome des 9. November 1938 waren eine von Menschen gemachte Apokalypse. Statt wie der Samariter dem unter die Räuber Gefallenen zu helfen, beteiligten sich viele an dem nun anbrechenden Gewalttaten. Im Rückblick wird der 9. November 1938 so zu einen Tag des kollektiven Versagens. Wann, wenn nicht damals in der Pogromnacht hätte Gott aufstehen müssen, um dem Treiben der Brandstifter ein Ende zu setzen?! Wann, wenn nicht in Ausschwitz hätte Gott klarmachen müssen, dass er der Herr ist und die Schwachen schützt?! – Doch so wie wir es manchmal erträumen, ist Gott nicht. Er überlässt die Welt vielmehr ihrer Mündigkeit. Er schuf die Menschen frei und fähig zur Verantwortung und damit zugleich fähig zum Bösen. Dietrich Bonhoeffer war es, der uns den Abschied von dieser Art des Hoffens auf das Eingreifen Gottes lehrte: „Nur der leidende Gott kann helfen“, war seine These. Und für uns Christen heißt es, dass wir teilnehmen müssen am „Leiden Gottes“ in der Welt.

Der Tag des Herrn – wie lässt sich dieses Bild mit dem Mauerfall morgen vor 31 Jahren verbinden? Jedenfalls leichter als mit der Pogromnacht. Dass ungerechte Herrschaft zerbricht, dass Mauern fallen und Grenzen gesprengt werden, das gehört seit Alters zu den Kennzeichen von Gottes Handeln. Und dennoch war es auch hier das Ergebnis einer langen Entwicklung und der Lohn für friedliche Opposition, für Montagsdemonstrationen und Friedensgebete, aber auch für die Entspannungspolitik zwischen West und Ost.

An den Tag des Herrn als Großereignis am Ende der Zeit glauben heute nur noch wenige. Zum Glück, denn dieser Traum ist viel zu oft zum Alptraum geworden. Was aber bleibt ist die grundvernünftige Mahnung des Apostels: lasst uns wachen und nüchtern sein. Wir sollen weder fanatisch, noch passiv und bequem sein. Wir brauchen nicht zu „warten bis zum Jüngsten Tag“. Vielmehr gilt es die Chancen für das Gute zu nutzen und dem Bösen zu wehren, wo es eben geht. Wir brauchen nicht auf den ganz großen Tag des Herrn zu warten. Die Chance, etwas Richtiges, etwas Gutes zu tun, stellt sich jeden Tag aufs Neue. Mit den Worten Jesu heißt das: Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. AMEN.

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