Von Schlüsseln und Schlössern
Andacht zum Reformationstag

Quelle: Beate Preuss
Predigt über Matthäus 10,26b-33 von Frank Christian Raatz
Liebe Gemeinde!
Kennen Sie den? Der Papst ist gestorben. Auch Päpste sind sterblich. Wir wissen es. Der Papst kommt also an die Himmelspforte. Die Himmelspforte ist geschlossen. Aber kein Problem. Der Papst als Stellvertreter Christi hat ja die Himmelsschlüssel. Er probiert den einen, er probiert den anderen. Keiner passt. Da klopft er wütend ans Himmelstor. Nach einiger Zeit öffnet sich ein kleines Fenster, und Petrus schaut nach, wer da ist. „Ach, der Papst!“, sagt er. Und der Papst, schon etwas aufgebracht: „Warum passen denn meine Schlüssel nicht?“ „Ja, weißt du“, sagt Petrus, „als damals der Martin Luther hochkam, der hat damals gleich alle Schlösser auswechseln lassen.“
Ja, liebe Gemeinde, mit Schlüsseln und Schlössern hat die Reformation zu tun. Aber nicht ganz so wie in dieser Geschichte.
Martin Luther hat den Schlüssel wiedergefunden, den Schlüssel zum Himmelreich, zur Wirklichkeit Gottes, zum Sinn unserer Tage, den Schlüssel, der im Verlauf des Mittelalters in Kirche und Theologie verloren ging, - unter theologischem und auch ganz profanem Kirchenschutt begraben. Die Papstkirche hat dann einen eigenen Schlüssel machen lassen, der aber – wie in der eben erzählten Geschichte - nicht passte, mit dem die Kirche dann den Menschen eine gehörige Angst vor Fegefeuer und Hölle einjagte, um zu Luthers Zeiten auch noch per Ablasshandel Geld in die päpstlichen Kassen fließen zu lassen.
Martin Luther hat den Schlüssel wiedergefunden.
Dieser Schlüssel hat einen Namen: Evangelium. Nicht unser Tun, sondern Gottes Tat.
Nicht Drohbotschaft, sondern Frohbotschaft. Die Gerechtigkeit Gottes ist seine Liebe, mit der er uns sucht und zu sich zieht. Von dieser frohen Botschaft hören wir nun heute für das Reformationsfest 2020 im Matthäusevangelium, im 10. Kapitel. Dort sagt Jesus zu seinen Jüngern:
Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, / und nichts geheim, was man nicht wissen wird. / Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; / und was euch gesagt wird in das Ohr, / das verkündigt auf den Dächern.
Und fürchtet euch nicht vor denen, / die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; / fürchtet viel mehr den, / der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? / Dennoch fällt keiner von ihnen / auf die Erde ohne euren Vater. / Bei euch aber sind sogar / die Haare auf dem Haupt alle gezählt. / Darum fürchtet euch nicht; / ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.
Wer nun mich bekennt vor den Menschen, / zu dem will ich mich auch bekennen / vor meinem Vater im Himmel. / Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, / den will ich auch verleugnen / vor meinem Vater im Himmel.
So, liebe Gemeinde, das soll eine frohe Botschaft sein? „…fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“? Wo bitte bleibt da der reformatorische Erkenntnisgewinn? Nun, da müssen wir genauer hinschauen. Luther hat ja die Hölle nicht abgeschafft. Wie könnte er auch?! Die irdischen Höllen zumindest sind unübersehbar, produziert von solchen, die die Hölle in sich tragen.
„Hölle“ hat ja nichts mit der absurden Vorstellung zu tun, dass ein Todsünder eine unendliche Zeit lang gefoltert würde. „Hölle“, das ist ein Qualitätsbegriff.
Die Riegel der Hölle sind innen, sagt ein Sprichwort. Offenbar gibt es Menschen, die sich gegen jeglichen Anhauch des Geistes Gottes einmauern. Es ist die totale Sinnwidrigkeit einer Existenz und Lebensform, die gegen ihren Schöpfer und Erlöser gelebt wird.
Das hat übrigens zunächst nichts mit Atheismus zu tun.
Einer, der angesichts des Zustands der Welt und dessen, dass Menschen anderen Menschen die Hölle bereiten dürfen, nicht glauben kann, dass diese Welt in den Händen eines Gottes ist, der es gut mit uns meint, der hat seine guten Gründe. Dennoch kann er offen sein für das Wehen des Geistes. Es gibt einen frommen Atheismus, der dem biblischen Glauben näher ist als eine auf Fröhlichkeit getrimmte Religion.
„Hölle“ aber ist die totale Abriegelung gegen Gott. Und Gott könnte ja nun seinerseits sich von diesem Menschen abwenden, könnte ihn dorthin fallen lassen, wohin er sich eingesperrt hat: in die Geistes- und Gottesisolation.
Das wäre letztlich das Nichts. Denn da, wo der Geist Gottes nicht wirkt, da ist das Nichts.
Gott könnte also einen Menschen, der sich gegen ihn, gegen die Liebe selbst, total verschlossen hat, seiner eigenen Hölle überlassen, d.h. im Nichts versinken lassen. Er könnte! Jesus spricht ja auch davon, dass wir uns vor dem fürchten sollen, der Leib und Seele in der Hölle verderben kann. Aber tut er es auch?
Im Glaubensbekenntnis heißt es: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“, früher hieß die Übersetzung des lateinischen „descendit ad inferos: „hinabgefahren zur Hölle“. Christus hat also die Hölle entriegelt.
Das ist der reformatorische Erkenntnisgewinn:
Die Hölle ist entriegelt! Der Himmel ist offen!
Ja, das ist der Vater im Himmel, von dem Jesus sagt, dieser habe sogar alle unsere Haare auf dem Haupt gezählt.
Der auch die Spatzen nicht vergisst, wie könnte der seine Menschenkinder vergessen?
Die haben allerdings geschlafen, als Jesus im Garten Gethsemane durch die Hölle der Anfechtung und Verzweiflung ging, und seine Jünger bat, bei ihm auszuharren und mit ihm zu wachen und zu beten.
Als es darauf ankam, sich zu ihm zu bekennen im Hof des Hohenpriesters, da hat der zuvor doch so felsenfeste Petrus gestammelt: Nein, ich kenne diesen Menschen nicht.
Wie menschlich-allzumenschlich das doch zugeht im Kreis der Freunde Jesu!
Da können doch auch wir uns noch einreihen: in diese kleingläubige und bekenntnisschwache Schar.
Das ist übrigens auch ein reformatorischer Erkenntnisgewinn: Keiner aus der christlichen Gemeinde ist unfehlbar, schon gar nicht in Glaubensdingen.
Gott findet auch und gerade in seiner Kirche fast nur solche vor, die keine Glaubenshelden sind, dagegen manchmal Maulhelden und moralisch nicht ganz Einwandfreie. Mit einem altmodischen Wort: Sünder.
Mit denen baut Gott seine Kirche, die im Glaubensbekenntnis „Gemeinschaft der Heiligen“ genannt wird.
Nicht etwa, weil sie ein so heiligmäßiges, d.h. tugendhaftes Leben führen, sondern schlicht deshalb, weil Gott sie dazu berufen hat, seine frohe Botschaft zu leben und von den Dächern zu predigen: das ist das wirkmächtige Wort Gottes, das den Menschen aus Sklaverei, Knechtschaft und Ängsten befreit, in die er sich immer wieder selbst einsperrt.
Liebe Gemeinde, die Überschrift und Thema unseres Textes - wie der ganzen Bibel – ist in ihrem Kern das „Fürchtet euch nicht!“
„Fürchte dich nicht“, spricht der HERR; „denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“
Das ist der Grundton, auf den die Heilige Schrift gestimmt ist.
Mit diesem Ton, mit diesem Lied im Herzen, stand Martin Luther 1521 vor Kaiser und Kurfürsten und päpstlichen Prälaten zu Worms und verteidigte das wieder entdeckte Evangelium von der Freiheit eines Christenmenschen – obwohl er fürchten musste, wie andere vor ihm, als Ketzer auf dem Scheiterhaufen zu landen.
Darum feiern wir das Reformationsfest in dankbarer Erinnerung, aber auch im Wissen, dass die Reformation nie hinter, sondern immer vor uns liegt, weil wir das befreiende Wort Gottes nie als Besitz, nie als Kapital haben. Es muss uns immer wieder neu zugesprochen werden.
Darum gehen wir sonntags in die Kirche, um Gottes Wort zu hören: Fürchte dich nicht. Ich bin dein Befreier. Ich habe dich in diese Welt gerufen. Du gehörst für immer zu mir!
Reformationsfest 2020 – im Lichte des Predigttextes aus dem Matthäusevangelium kann dies nur eine Ermutigung gegen alle Angst sein, die unsere Herzen erfüllt und uns gefangen hält.
Im Lichte der Worte Jesu kann dies nur eine Vergewisserung sein, an dem fest zu halten, der uns in seiner Hand geborgen hält.
Und: im Lichte seines Lebens und dem Vertrauen des Reformators kann dies nur eine Ermutigung sein, den Mund auf zu machen. Zu Fragen der Zeit aus dem Licht des Glaubens den Mund auf zu machen. Zuhause, in der Familie, den Kindern und Enkeln gegenüber – denn woher sollen sie sonst von Jesus erfahren. Aber auch am Arbeitsplatz, in der Schule. Auf die Straße zu gehen, so wie wir es zurzeit vielerorts erleben. In der Öffentlichkeit den Mund auf zu machen und Zeugen des Glaubens zu werden.
Ich weiß: Dieser Weg ist nicht leicht – aber er ist verheißungsvoll.
Denn wer morgens zerknittert aufwacht, hat tagsüber viele Entfaltungsmöglichkeiten.
Reformation 2020 – das heißt: mit Freude den lebendigen Gott, den Liebhaber des Lebens zur Entfaltung bringen
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus.
Amen.

