„Legt von euch ab den alten Menschen…. erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht an den neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ (Eph.4,22)
Das Gefühl kennt jeder: man steht in einer Textilabteilung, probiert eine neue Klamotte an, auf die man schon lange ein Auge geworfen hat. Aber erst heute und jetzt hat man sich ein Herz genommen und ist in das Kleidungsstück hineingeschlüpft: passt und sitzt: wunderbar. Noch besser, das Kleidungsstück ist sehr bequem, man fühlt sich wie ein neuer Mensch.
Ein neues Kleid, das ist eigentlich nichts Neues in der Menschengeschichte – selbst in urchristlichen Zeiten ein gängiges Beispiel. Sich neu Einkleiden, das ist auch das Bild, mit dem der Autor des Epheserbriefs den Wandel von Anhängern heidnischer Kulte hin zu Christus beschreibt: Weg mit dem alten Leben wie mit einem abgetragenen Gewand. Wenn Christen in den ersten Jahrhunderten getauft wurden, trugen sie weiß, Farbe der Unschuld oder des Neuanfangs – wie bei unseren Bräuten heute. Strahlend weiß gekleidet wurden die Täuflinge damals dann im Wasserbecken untergetaucht und freigesprochen von ihrem alten Leben. Und das neue Leben zog man an wie ein neues Kleid. Was für eine neue Art von Leuten, das beschreibt unser weiterer Predigttext: Leute, die die Wahrheit sagen, die den Zorn in ihrem Haus nicht übernachten lassen; Leute, die natürlich nicht stehlen, die ihre Worte besonnen wählen. Der geistige und seelische Abfall wurde mit dem Taufwasser weggespült. Was für ein zauberhafter Gedanke: Ein neues Leben anziehen zu dürfen wie ein neues Kleid.
Die Worte im Epheserbrief beschreiben wirklich eines der attraktivsten Versprechen des Christentums: Du/Ich kannst neu anfangen, immer wieder. Die christliche Theologie denkt uns Menschen als gott- und weltoffene Kreaturen. Ein Wesen, das sich ändern kann durch bessere Einsicht, durch Lieben und durch ein Vertrauen, das man in eine bestimmte Person setzt: Eben in der Orientierung an Christus.
Wir leben in Zeiten ,die es uns schwer machen, und es seltener gelingen lassen neu anzufangen. Die ununterbrochene Datenspur im Internet vermisst uns Menschen nach unseren Bedürfnissen, Wünschen und Träumen. Wir sind nach der Logik der Algorithmen ein Vermessungsobjekt mit vorhersehbaren Verhaltensmustern. Man verlangt von uns Anpassungen oder Selbstoptimierungen im Rahmen unserer Möglichkeiten. Unser Verhalten wird korrigiert oder - wie heute schon in China – vom Staat belohnt oder bestraft.
Die ersten Christen machten andere Erfahrungen: Sie erlebten das Wunder, dass Menschen sich nach der Taufe wirklich veränderten. Leute, die z.B. andere schlecht gemacht haben, bemühen sich wieder um konstruktive Beiträge. Aus Frustration kann Energie für die Zukunft werden, der Zukunft von mehr Gerechtigkeit in Gemeinschaft und Kirche .Ja,unser Getauftsein ist eigentlich ein Siegel für mehr Freiheit und Liebe. Es ist die Versicherung, dass wir vor Gott immer wieder neue beginnen können, weil uns vergeben wird. Es gibt nur eine unvergebbare Sünde, nämlich die, nicht an Vergebung zu glauben und damit also die Chance auf einen Neuanfang zu negieren. Trauen wir also mehr der Kraft des Heiligen Geistes und legen den erneuerten Menschen an in unserem Geist und Sinn.


