Danken für das Unverdiente

Wochenandacht ab Erntedank (4.10.2020)

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Jesus spricht ein Dankgebet, teilt das Brot, segnet die Fische. Das ist der Erntedank-Moment im Evangelium. Es steht bei Markus im 8. Kapitel. Jesus dankt für sieben Brote und einige Fische. Sie sollen reichen für etwa 4000 Menschen. Seit drei Tagen scharen sie sich um Jesus. Wenn er sie heim schicken würde, so befürchtet er, würden einige auf dem Weg verschmachten.

Das, was da ist, muss reichen. Kein Festessen, sondern eine Stärkung in der Not. Genauso wichtig wie der Nährwert ist die Botschaft der Wegzehrung: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn! Und wichtig ist auch die Erfahrung: Wir teilen nicht nur die Not, sondern unter den Augen Gottes auch das, was Not lindert. So können sich alle wieder auf den Weg nach Hause machen. Sie haben erlebt: Jesus sorgt sich um uns. Gott sorgt für uns. Jesus teilt aus, teilt mit uns.

Ich hab mich gefragt, ob Jesus mit seiner Brot-Botschaft zum Teilen ermuntert hat. Das Teilen von Not-Broten, die sich als Reserve noch in den Taschen versteckt haben. Solch berührende Momente kann man weniger dort erleben, wo Überfluss herrscht. Dafür umso mehr dort, wo es ans Eingemachte geht: beim Wandern und Bergsteigen, wenn das Wasser ausgeht, wenn ein anderer ein Pflaster braucht, wenn der letzte Apfel oder Riegel geteilt wird. Daran ist bewegend, dass es vom anderen aus freien Stücken geschenkt wird und uns unverdient zukommt. Nicht aufgrund eines Vertrages, sondern aus Barmherzigkeit.

Das ist der Kern von Erntedank. In diesem Jahr nur ein Tag nach dem Tag der deutschen Einheit. 30 Jahre ist das her, dass wir ein Staat sind statt zwei, dass sich alle frei bewegen können, frei wählen und das Parteibuch nicht über die Karriere entscheidet. Als 13-Jähriger war ich mit meiner Familie auf ein paar Montagsdemos dabei, zweimal in Leipzig mit Massen von Menschen und auch in meinem Heimatort. Diese Revolution ist friedlich verlaufen. Das hat mit dem Mut zu tun, für seine Meinung auf die Straße zu gehen. Und damit, dass es sich dabei um ganz elementare Rechte handelt.

Wenn wir dagegen auf Korea schauen, sind die Menschen dort seit 70 Jahren durch zwei Staaten, zwei Systeme und eine tödliche Grenze getrennt. Als wir vor 2 Jahren zu sechst in Korea waren, haben wir die Grenze gesehen. Mit unserer Partnergemeinde waren wir in der entmilitarisierten Zone und haben idyllische Reisfelder gesehen, auf denen vor 70 Jahren eine Unzahl von Menschen ihr Leben gelassen haben. In unseren Gesprächen ging es immer wieder auch um den Weg, der zur Wiedervereinigung führt. Um die Frage, warum ist auf der Koreanischen Halbinsel noch keine Wiedervereinigung gelungen. Es ging um den starken Wunsch, die Hoffnung und auch den Respekt vor dem Fall der Grenze und allem, was sich damit verändern würde.

Ostdeutsche haben nach der Wende erlebt, dass nicht alle Abschlüsse anerkannt wurden, dass ihre Betriebe wegen des weggefallenen Währungsunterschieds nicht mehr konkurrenzfähig waren. Sie haben einen gewaltigen Umbruch bewältigt. Die Städte und Gemeinden im Osten haben eine Abwanderung von Millionen Menschen ertragen müssen. Ostdeutsche und Westdeutsche sind dennoch Gewinner der Wende, haben das – ob bewusst oder unbewusst – miteinander passabel gemeistert. Denn es geht darum, die Not und das, was Not lindert, zu teilen.

Der politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbruch ist auch friedlich verlaufen, weil die großen Blockmächte es zugelassen haben. Und – das ist der Erntedank-Moment – die Einheit unseres Landes hat nicht nur mit der Anstrengung in Ost und West zu tun, sondern ist auch ein großes Geschenk Gottes.

Ich behaupte, das ist wie beim Ernten und Essen. Da steckt zwar viel Arbeit drin: Pflügen, eggen, säen, düngen, bewässern. Und bis Brot auf unserem Tisch ist, muss das Korn geerntet werden, die Ähren gedroschen, Mehl gemahlen, Teig geknetet, in Ruhe gelassen und das Brot gebacken. Dass aber die Sonne scheint, Regen fällt und Wind bläst, ist ein unverdientes Geschenk des Himmels. Und ohne das, hätten wir trotz aller Mühe nichts zu beißen.

Auf dem Bild „Ernte am Meer: Le Pouldu“ von Paul Gauguin finde ich das wieder. Bäuerinnen stehen mitten in einem prächtigen Getreidefeld. Sie beugen sich tief hinunter. Sie schneiden und bündeln die Ähren. Das ist harte Arbeit. Viel davon liegt noch vor ihnen, denn ein Großteil des Feldes ist noch nicht geerntet. Vorn rechts ist ein Hund zu sehen. Er scheint das Essen für die Pause zu bewachen. Sie werden es später teilen. Der Blick reicht von einer Anhöhe hinunter zu einem felsigen Hügel und erlaubt eine Aussicht aufs Meer. Der Streifen am Horizont eine Insel. Richtung Küste sind noch andere Menschen bei der Ernte zu sehen.

Doch die Sonne bringt das Getreide zum Leuchten. Der Wind bewegt die Segelboote. Der gute Regen verleiht den Wiesen ein saftiges Grün. Das Bild strahlt eine große Ruhe aus. Paul Gauguin hat den Rhythmus der Gezeiten, von Frühling bis Winter, von Säen und Ernten eingefangen. Fern von Paris hat er vor rund 130 Jahren in der Bretagne den Herzschlag Gottes eingefangen, der trotz unserer schnellen Welt für unser Leben grundlegend ist. Gemalt hat er nicht die harte Arbeit, sondern den Zusammenklang von Schöpfung und Mensch.

Ernte bedeutet natürlich mehr als Brot und Fische, mehr als Essen und Trinken. Auch in Berufen, die nichts mit Landwirtschaft zu tun haben, gibt es einen großen Teil, der uns unverdient geschenkt wird und für den wir heute Danke sagen. Martin Luther zählt im Kleinen Katechismus auf, was noch zum täglichen Brot gehört: „Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

Die Corona-Zeit lenkt unseren Blick besonders darauf, was uns zukommt, auch wenn nicht alle die Ernte einfahren, die sie erwartet haben. Für Künstler, Freiberufler, Schausteller, Reiseveranstalter, Gastronomen oder Einzelhandel ist dieses Jahr sogar existenzbedrohend. Sie leiden besonders unter den Vorsichtsmaßnahmen und der Verunsicherung.

Trotz der dürftigen Ernte sehen viele Menschen auch das, was uns Gott auch in dieser Zeit schenkt und was nicht selbstverständlich ist: Gesundheit, Frieden, genug Essen und Trinken, Krankenschwestern, Ärzte, Ältestenkreise und Politiker, die verantwortungsvolle Entscheidungen treffen – für unsere Region, unser Land und Europa. Wer dafür dankt, kann seinen Blick schulen. Den Blick für das, was er erntet. Für das, was in der Not stärkt, was Wegzehrung ist für die nächsten Schritte. Das kann ein Stück Brot sein, für das wir danken, das wir teilen und das uns satt macht. Amen.

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