Nähe und Gemeinschaft

Wochenandacht ab 16. Sontag n. Trinitatis (27. September 2020)

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Gemeinde!

Wie geht Gemeinschaft, wenn Abstand geboten ist? Auf diesen einfachen Nenner würde ich bringen, was uns zur Zeit abverlangt wird. Wie leben, wenn Nähe tabu ist? Wie nahe sein, wenn wir im Herbst bei zu viel Nähe Krankheiten verbreiten können? Diese Fragen fordern von uns weiterhin viel Kraft und Ausdauer.

Im Evangelium für diesen Sonntag geht es auch um Nähe und Abstand, und sogar um Leben und Tod. Lazarus, der Bruder von Maria und Marta, ist schwer krank. Sie lassen Jesus rufen, doch der ist weit weg. Jesus weiß, dass Lazarus dem Tode nahe ist. Trotzdem lässt er sich Zeit.

Jesus begibt sich in Gefahr, wenn er Jerusalem zu nahe kommt. Bethanien liegt unweit der Hauptstadt, direkt hinter dem Ölberg. Aus dieser Richtung soll der Messias kommen am jüngsten Tag. Als Lazarus schon vier Tage tot im Grab liegt, kommt Jesus endlich nach Bethanien.

Maria bleibt untröstlich, Marta dagegen läuft ihm entgegen. Nicht einmal jetzt verliert sie ihre Hoffnung. Sie setzt alle Hoffnung auf Jesus. Und der sagt: „Dein Bruder wird auferstehen.“ Marta entgegnet ihm: „Ich weiß, am jüngsten Tag.“ Jesus antwortet: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben.“

„Nicht erst dann“, soll das heißen. Nicht erst am letzten Tag der Erde, bis zu dem wir nur stückweise ein dunkles Spiegelbild erahnen – von uns und anderen. Nicht erst am Tag der Erlösung, an dem jedermann sich und seine Nächsten so erkennt, wie Gott uns schon jetzt kennt (vgl. 1Kor 13,12). Dann werden wir auch Gott von Angesicht sehen und Gemeinschaft mit ihm haben. Das weiß Marta. Und vielleicht erahnt sie etwas davon, wenn sie bei anderen Menschen nicht nur sieht, was sie aufregt, sondern sogar sehen kann, warum er oder sie so reagiert.

Doch Jesus sagt: „nicht erst dann.“ Nicht erst am jüngsten Tag beginnt die Gemeinschaft mit Gott. Unabhängig von dieser Zeit ist dieser Moment schon jetzt für den gekommen, der mir, Jesus, begegnet und vertraut. Den hat Gott, der selbst Gemeinschaft ist als Vater, Sohn und Geist, auferweckt und in seine Gemeinschaft gerufen. Damit beginnt ein Leben, das nicht enden wird.

Marta geht zu ihrer Schwester. Vielleicht meditiert sie das, was Jesus da gesagt hat und was schwer zu begreifen ist. Marta holt Maria. Die geht zu Jesus und fällt ihm zu Füßen. „Wenn du da gewesen wärst, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Jesus weint, ärgert sich. Ärgert sich über die Trauer, den Verlust, das mangelnde Vertrauen. Er lässt das Grab öffnen, betet und ruft Lazarus aus dem Grab ins Leben. Und Lazarus kommt – mit Grabtüchern gebunden – heraus. Da glaubten viele an Jesus.

Die Perikopenordnung stellt dem Evangelium von Lazarus den Predigttext als Kommentar an die Seite (2Tim 1,7-10). Im 2. Timotheusbrief (2Tim 1,9-10) heißt es:

„Er [Gott] hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“

Da steckt ordentlich was drin. Bei „heiligem Ruf“ hab ich daran gedacht, wie gut es ist, wenn ich einsam bin und mich ein Freund anruft. Einer, der mich herausruft aus dem Alleinsein in die Gemeinschaft. Oder wenn eine einfach irgendwo klingelt, weil sie vergessen hat, wie sie nach Hause findet.

Und in einem Film würde sich der heilige Ruf, der vor der Weltzeit seinen Anfang genommen hat, vielleicht wie eine Druckwelle ausbreiten und in Jesus endlich in unserer Welt ankommen. Überall dort, wo uns der Tod begegnet, würden alle spüren, dass der Tod seine Kraft verloren hat. Selbst bei Katastrophen würden sie denken: Das ist nicht das Ende. Und statt auf das zu schauen, was fehlt, würden sie darauf achten, was bleibt.

Die gemeinsam verbrachte Zeit wird nicht bedeutungslos. Die bestandenen Konflikte gehören weiterhin zu meinem Schatz an Erfahrungen. Und auch der Anti-Corona-Abstand ist nicht das Ende. Auch wenn ich mir Nähe wünsche, ganz normale Familienfeiern, dass mir jemand einfach mal über den Rücken streicht oder meine kalten Hände wärmt, mich in den Arm nimmt, entsteht in dieser Zeit Gemeinschaft. Jedes Gespräch, jedes Winken, jeder Anruf und jeder Videoanruf ist kostbar.

Für den Timotheusbrief steht felsenfest: Nach der Auferstehung Christi ist die Welt nicht mehr wie sie war. Stärker als jede Angst und über alles Bedrohliche hinaus, können wir hoffen. Hoffen auf Gott und ein Leben bei Gott. In diesem Geist sollen wir mit Kraft, Liebe und Besonnenheit auf Gott vertrauen, uns gegenseitig in der Gemeinschaft halten und miteinander für eine gerechte Welt einstehen. Amen.
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Wochenspruch: „Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2. Tim 1,10b)
Evangelium: Joh 11,1(2)3.17–27(28–38a)38b–45; Predigttext: 2. Tim 1,7–10

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