Dem Heiligen begegnen

Wochenandacht ab 7. Sontag n. Trinitatis (26. Juli 2020)

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Leserin, lieber Leser!

Wie kann man Gott finden, wie ihm begegnen? Der Predigttext aus dem Hebräerbrief versucht auf diese Frage zu antworten. Die Verse folgen 12 Kapiteln voller gelehrter Gedanken und ausschweifender, kniffliger Auslegungen von Bibelversen aus dem Alten Testament. Im Vergleich dazu erscheinen die drei einfachen Sätze ganz klar.

Predigttext Hebr 13,1–3: 1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Man könnte diese Sätze auch „sommerlich“ nennen. Denn sie kommen so leicht und erfrischend daher wie Zitrone-Basilikum-Eis und leuchten ein. Fast könnte man meinen, alle mühsamen Kapitel davor dienen auch dazu, die Leichtigkeit dieser Worte zu spüren.

Denn damit kann jeder etwas anfangen. Es geht um Philadelphia, wie es im Hebräerbrief heißt, um brüderliche, also geschwisterliche Liebe. Und die zeigt sich, wenn Menschen einander solidarisch und miteinander barmherzig sind.

Als erstes Beispiel nennt der Brief darum Gastfreundschaft. Das ist doch verblüffend einleuchtend. Denn jemanden reinlassen, klingt im ersten Moment gar nicht schwer.

Dazu bemüht der Hebräerbrief keine Statistik, zieht er keine Studie heran und wirbt nicht mit besserer Effizienz und höherer Rendite. „Ohne es zu wissen, haben schon einige Engel beherbergt.“ Der Hebräerbrief wirbt mit dem Heiligen. Schön sind diese Worte. Da kann man nur Ja sagen. Denn es geht nicht wie im Evangelium um 5000 Menschen, die Jesus und seine Jünger plötzlich mit fünf Broten und zwei Fischen versorgen soll. Sondern eine überschaubare Zahl von Gästen beherbergen, darum geht es.

Wenn aber dann echt Menschen vor der Tür stehen, dann ist das gar nicht so einfach. Der eigene Zeitplan, die eigenen Ziele sind dann oft wichtiger und füllen unsere Zeit aus. Es gibt viele Gründe, warum einer nicht auf eine Tasse Tee vorbeikommen kann, und noch mehr Gründe, warum es gerade schlecht ist, dass jemand bei uns übernachtet. Und wenn viele Menschen zu uns kommen, dann überfällt uns schnell die Angst, dass die Mittel nicht reichen oder unsere Identität verloren geht.

Am Ende der drei Verse schreibt der Verfasser des Hebräerbriefes: Auch wir sind noch im Leibe, sind noch hier auf Erden. Will heißen, auch uns kann geschehen, dass wir zu Recht oder zu Unrecht eingeschränkt sind oder gefangen. Und dann wäre es ein Segen, wenn ein Engel kommt – mit oder ohne Flügel, tätowiert oder mit lockigem Haar. Und dann würde uns der Heilige begegnen, befreien, heilen, trösten, Hoffnung schenken.

Der Hebräerbrief spielt an auf Abraham. Der bekommt eines Tages Besuch von drei Gestalten. Abraham lässt ihnen eine festliche Mahlzeit bereiten. Und sie bedanken sich mit einer Verheißung. Sie kündigen an, dass Abraham und Sara einen Sohn bekommen werden. Auf diesen Segen haben sie sehnsüchtig gewartet.

Im Evangelium von der Speisung der 5000 ist es ein kleiner Junge, der zum Engel wird. Obwohl seine Brote und Fische zuerst kläglich wirken, machen sie beim Teilen satt und werden zum Überfluss.

Zu den irdischen Herausforderungen gehört es, dass wir unsere Gemeinschaft gestalten und pflegen. Mitunter ist das mühsam und zäh – in der Schule, an der Uni, unter Glaubensgeschwistern, unter Staaten. Doch in der Begegnung mit anderen Menschen gibt es Spielraum dafür, dass wir dem begegnen, der uns das Leben geschenkt hat. Auch denjenigen, den die Welt schon abgeschrieben hat, vergisst Gott nicht.

Das Geheimnis für so eine Brüderliche Liebe liegt im Blick für meinen Nächsten verborgen. Denn für ein geschwisterliches Miteinander muss ich mir wie der Junge vorstellen, ich wäre hungrig. Muss mich selbst fühlen, als wäre ich Mitgefangener, der die Freiheit ersehnt. Wäre müde Begleiterin nach der Wanderung, durstiger Gefährte, Kameradin verwundet an Leib oder Seele.

Ohne dieses Hineinversetzen in andere bleibt die Tür zu. Zwar sind nicht alle Fremden Engel, aber wir haben dann die Chance verpasst, dem Heiligen zu begegnen. Der mag verborgen sein in allem Rauen, Banalen oder Abstoßenden. Jesus formuliert das so: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40).

Amen.

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