Ansichtkarte vom See

Wochenandacht ab 5. Sontag n. Trinitatis (12. Juli 2020)

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Leserin, lieber Leser!

Ein See. Das ist ein besonderer Ort. Ein großer See erst recht. Nichts versperrt den Blick. Es riecht nach Freiheit. Die Weite tut gut. Egal, ob das Wasser glatt ist wie ein Spiegel oder der Wind das Wasser kräuselt.

Wir Menschen fangen solche Momenteschon seit vielen Generationen ein. Wir erzählen von diesen Stimmungen oder schreiben sie auf. Seit tausenden von Jahren malen wir sie an Höhlenwände, auf Papyrus, Leder oder Leinwände.

Im Dezember 1866 wurde in Deutschland die erstePostkarteohne Umschlag verschickt. Auf hellgrünem Karton war eine ganzseitige einfarbige Lithographie abgedruckt. 1870 wurden die sogenannten Correspondenzkarten offiziell eingeführt. Im Juli vor 150 Jahren wurde die erste Postkarte mit einer kleinen Illustration verschickt. Und mit dem Aufkommen der Farblithographie ab Mitte der 1890-er Jahre teilten sich immer mehr Menschen durch eine Bildkarte mit.

Der Predigttext für diesen Sonntag (Lk 5,1-11) ist wie eine Serie von Ansichtskarten. Die erste fängt eine Stimmung am See Genezareth ein. Darauf sind viele Menschen zu sehen. Sie drängen sich am Ufer. Ein Mann steht in einem von zwei Booten. Die Menschen am Ufer hören ihm mit großen Ohren und wachen Augen zu.In den beiden Booten sitzen noch drei Männer. Sie sind Fischer.

Simon ist einer von ihnen. Er heißt auch Petrus, kennt sich aus mit Fischen und mit Menschen. Er kennt den See, weiß wann die meisten Fische ins Netz gehen. Und er kann die Fische an den Mann und die Frau bringen. Er weiß, wer im Dorf für die ganze Familie Fisch kauft. Kennt den Alten, der allein in seiner Hütte wohnt und immer nur die kleinen Fische nimmt, die sonst keiner haben will.

Der Mann in seinem Boot erzählt von Gott. Er heißt Jesus. Als er fertig ist, sagt er zu Simon: ‚Fahr raus ins tiefe Wasser. Werft eure Netze aus.‘ Simon denkt: ‚Das hat keinen Sinn. Wir haben die ganze Nacht nichts gefangen.‘ Doch er hört sich sagen: ‚Auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.‘

Auf der zweiten Ansichtskarte packen die anderen beiden Fischer und Jesus die Netze. Die beginnen zu reißen. Beide Boote sind kurz vorm Sinken. Und Simon Petrus liegt vor Jesus. So einen Fang hätte er nicht für möglich gehalten. Ja, sogar für ausgeschlossen. Jakobus und Johannes geht es nicht anders. Auch sie sind erschüttert. Der Kartentext verrät, was Jesus zu Petrus sagt: ‚Fürchte dich nicht. Dein Leben soll sich ändern. Du sollst nicht mehr Fische fangen und sie den Menschen verkaufen. Du sollst Menschen auf Gott hinweisen und sie für Gott gewinnen.‘

„Fahre hinaus, wo es tief ist.“ Mit diesen Worten hat es angefangen. Und entscheidend war, wie Simon Petrus reagiert. Fährt er raus, obwohl sicher kein Fisch ins Netz gehen wird? Oder sagt er: Vergiss es? Nein, Simon fährt raus. Trotz der durchwachten Nacht und obwohl er nichts gefangen hat.

Aber Petrus vertraut Jesus nicht blind. Das ist sympathisch. Sein großes Erschrecken zeigt, wie skeptisch der Fischer war. Bei Tag rausfahren, dass muss ihm vorgekommen sein wie Angeln ohne Köder (oder eine Postkarte ohne Briefmarke). Doch Simon Petrus wagt es, probiert es, lässt sich darauf ein. Und Jesus sagt: ‚Simon, von nun an sollst du Menschen zeigen, was es noch gibt im Leben. Du sollst ihnen sagen, wozu es sich zu leben lohnt. Du sollst sie fragen, was bisher ihr größter Fang war und was sie richtig glücklich macht.‘

Wieder stellt sich die Frage: Folgt er Jesus? Ja, Petrus ist dazu bereit. Auch wenn es unvernünftig scheint, ist er bereit, Vertrautes aufzugeben und mit Gott unbekannte Wege zu gehen. Er ahnt es. Wer wie Abraham ins Ungewisse aufbricht, der braucht Mut und erntet auch malSpott und Widerspruch. Aber wie Abraham darf Simon auf wunderbare Erfahrungen hoffen – Netze voller Bewahrung, mit Reichtum an Begegnungen und voller Segen.

Auf der dritten Ansichtskarte begegnen Jesus und die Fischer anderen Menschen. Die Zeit messen dieJünger nun mit einem anderen Maß. Nachts schlafen sie und am Tage treffensie Leute. Sie wissen noch genau, wie es sich anfühlt, in ein Boot zu steigen und sich davon auf die Weite tragen zu lassen. Genau zu diesem Vertrauen möchten sie die Menschen ermutigen und sagen: „Fahrt hinaus, wo es tief ist.“ Also: ‚Wagt euch hinaus ins Leben.Gott trägt euch wie ein Boot auf dem Wasser. Und wenn ihr wollt, dann schickt eine Karte.‘

Amen.

Datei zum Downloaden