Liebe Leserin, lieber Leser!
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12,21). Das ist ein Satz, den kann man sich gestickt und gerahmt über die Tür hängen oder auf den Unterarm tätowieren. Denn was Paulus im Römerbrief schreibt, ist bestechend und leuchtet sofort ein. Der Predigttext für diesen Sonntag steht im 12. Kapitel des Römerbriefes (Röm 12,17–21). Da schreibt Paulus:
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist´s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Spr 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Im Gottesdienst oder entspannt auf dem Sofa mögen viele Menschen richtig finden, was Paulus schreibt. Doch wenn mir Unrecht widerfährt, ist es oft nicht so leicht das zu beherzigen. Es gibt Umstände, da muss man sich diesen Satz wieder und wieder sagen, um seinem Ärger nicht irgendwie einfach Luft zu machen. In der Politik, im Beruf und im Privaten gibt es Situationen, da liegt es nahe Dummheit und Bosheit entschieden entgegenzutreten. Die Frage ist jedoch wie.
Als Paulus der Gemeinde in Rom schreibt, war sie höchstwahrscheinlich noch keiner akuten Verfolgung ausgesetzt. Doch wahrscheinlich haben die Christinnen und Christen bereits Ablehnung, Entfremdung oder Benachteiligung erfahren. Alte Freunde werden mit ihnen gebrochen haben. Von öffentlichen Ämtern werden sie ausgeschlossen gewesen sein. Alles wegen ihres Glaubens an den gekreuzigten Gott.
Die Ermahnung des Apostels Paulus ist schnell überhört, wenn Gesprächspartner Dinge verdrehen, offensichtliche Realitäten abstreiten, andere verhöhnen, Streit befeuern, mir ins Gesicht sagen „Aus dir wird nie etwas.“ oder Menschen lächerlich machen, die sich für andere einsetzen. Der Rat: „Vergeltet niemanden Böses mit Bösem.“, und: „Überwinde das Böse mit Gutem.“, ist dann besonders schwer umzusetzen.
Sicher, wenn jeder mit der selben Art und mit gleichem Maß Paroli bietet, dann würde die Spirale der Auseinandersetzung einfach weiter gedreht. Die kann sehr lang sein, wenn nicht unendlich. Doch da gibt es auch noch die Furcht, dass mein Verzicht um des lieben Friedens willen, als Schwäche erscheint und der andere trotzdem keinen Frieden gibt.
Zwischen beiden Extremen will Paulus einen Weg aufzeigen, um das Böse zu überwinden. Dennötigen Spielraum dafürerkennt der Apostel darin, dass Gott zu diesem Gegenüber von zwei Rivalen oder mehreren Parteienauch noch dazugehört. Und wennRache und Vergeltungallein Gott gehören, dann müssen wir Menschen nicht aushandeln, wann wir quitt sind undGerechtigkeit hergestellt ist.
Die neue Perspektive ermöglicht einen anderen Blick auf den Unfrieden und die ersehnte Gerechtigkeit.Möglicherweise kann ich so nicht nur den Splitter im Auge meines Nächsten sehen, sondern sogar den Balken in meinem Auge (siehe das Evangelium für diesen Sonntag in Lk 6,36–42). So hat Jesus zum Vergeben ermutigt, weil keiner ohne Fehler ist und jeder Vergebung und Nachsicht braucht. Nur Gott kann es richten und Versöhnung stiften. Nur dadurch kann ein friedliches Zusammenleben beginnen und gelingen.
Wer sich bewusst ist, dass Gott uns vergibt, der kann auch vergeben. Und der merkt möglicherweise auch, wenn er oder sie andere verletzt. Derjenige nimmt die Not seiner Feinde eher wahr und teiltmit ihnen Essen und Trinken.
Der Verzicht auf Revanche und vermeintlichen Ausgleich könnte also ein Gewinn sein, auf dem Weg zum Frieden hin. Es könnte ja sein, dass ich noch gar nicht merke, in welcher Hinsicht ich blind bin und ob mein Urteil über andere stimmt. Im Nachhinein kann ich das hoffentlich erahnen.
Dem Bösen friedlich begegnen, das fängt bei uns an. Aber aufhalten kann das keiner allein. Darum braucht es auch, dass wir uns gemeinsam dem Unrecht in den Weg stellen. In diesem Zusammenhang macht der Wochenspruch Sinn, mit dem Paulus prophezeit: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2).
Amen


