Erinnerung an ein Ende, das zum Anfang wurde

Wochenandacht ab Pfingstsonntag, 31. Mai 2020

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Gemeinde!

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Und die Erinnerung an besondere Anfänge, trägt uns Menschen durch manche Durststrecke hindurch. Darum ist es wichtig, sich an solche Anfänge zu erinnern, auch wenn ganz persönliche Erlebnisse einem anderen Menschen schwer zu vermitteln sind.

Der Evangelist Lukas erinnert uns an solch einen Anfang. Einen Anfang, der im Verborgenen liegt. Und ihm gelingt es, den Zauber des Anfangs so zu erzählen, dass man es nicht so schnell vergisst. Er hätte in der Apostelgeschichte von ein paar Menschen ohne Hoffnung erzählen können, die enttäuscht sind und unsicher, während auf den Gassen Jerusalems das fröhliche Wochenfest gefeiert wird. Und dann plötzlich schöpfen sie doch Hoffnung und fangen als Getaufte zu leben an. In dieser Kürze ist der Pfingstgeschichte aber nicht abzuspüren, was da begonnen hat oder vielmehr, was um ein Haar nicht weitergegangen wäre.

Es geht um den Anfang der christlichen Gemeinschaft, die bis heute aus ganz verschiedenen Menschen besteht. Und Lukas lässt uns spüren, welche Bedeutung der hat: Ein orkanartiger Sturm. Flammen der Inspiration. Beseelte Männer und Frauen. Wortstrudel, die alle verstehen. Da ist sich Petrus plötzlich sicher. Der Petrus, der noch ein paar Wochen vorher leugnete, Jesus zu kennen. Er erinnert sich an ein Wort des Propheten Joel, dass Gott seinen Geist ausgießen wird. Und Petrus hält eine flammende Predigt. Funken, die viral überspringen und anstecken. Tief beeindruckte, im Herz berührte Zuhörerinnen und Zuhörer. 3000 Menschen, die sich taufen lassen. Was für eine Begeisterung. Da muss Gottes Geist am Werk sein.

Der Zauber steckt für mich vor allem darin, dass weiches Wasser härter ist als Stein, flüchtiges Feuer stärker als Holz, Gottes Geist kraftvoller als Mauern oder Verzweiflung und das Leben beständiger als der Tod. So lesen wir beim Propheten Sacharja, dass die guten Wendungen nicht durch Gewalt, sondern durch Gottes Geist geschehen sollen (Sach 4,6b).

Pfingsten ist ein zweites Osterfest. 50 Tage nachdem Jesus auferstanden ist, finden sich die Jünger und Jüngerinnen neu als Gemeinde. Sie versammeln sich neu um Jesus, in dessen Geist sie leben und wirken. Als Gemeinde sind sie damit auferstanden.

Und das gelingt darum, weil Gott es will. Sein Geist ist unter uns. Er stärkt unsere Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass dass wir das Leben nicht nur irgendwie bestehen, sondern mit Gottes Geist selig werden. Das ist kein gewalttätiger Geist, sondern ein kraftvoller Geist der Liebe. Und diese Kraft kann er entfalten, wenn wir uns an ihn erinnern.

Auch in Minneapolis und andern US-Städten kommen gerade Erinnerungen hoch. Erinnerungen an Rassismus und an die Demütigungen seit der Sklaverei. Auch dort gibt es jetzt Flammen und feurige Stimmung. Mit dem Heiligen Geist hat das aus meiner Sicht aber nichts zu tun. Genauso wenig übrigens, wenn gewaltbereite Menschen aus anderen Bundesstaaten die Stimmung zwischen Demonstranten und Polizisten bewusst anheizen und Chaos stiften. Oder wenn Regierende es verpassen, Frieden zu fördern.

Es gibt genug Erinnerungen, die uns viel Kraft kosten und uns manchmal sogar neu verletzen. Es gibt auch Erinnerungen, aus denen wir etwas gelernt haben, in denen aber kein Leben steckt. Und dann sind da solche bewegenden Momente, die Kraft geben und Verständigung zwischen Menschen stiften. An die gilt es zu denken. Augenblicke, die wir selbst erleben, und solche Momente, von denen wir lesen – wie bei Lukas.

Das Pfingstfest, das ist der Gegenpol der babylonischen Sprachverwirrung. Der Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit, der soll uns daran erinnern, dass die christliche Gemeinschaft nicht zerbrochen ist damals, sondern dass sie seitdem vom Geist Gottes getragen wird. Sonst sind wir nicht recht bei Trost und verwirrt. Dann sind wir verzagte Menschen, die aneinander vorbeireden, uns gegenseitig den Atem nehmen und im Chaos versinken. Wir sollen aber zusammenhalten und uns umeinander bemühen und uns verstehen, auch wenn wir unterschiedliche Sprachen sprechen und verschieden bleiben.

Gott schenke uns eine Gemeinschaft, in der sein guter Geist herrscht. Der Geist, der Menschen verbindet, der befreit, der uns die Augen öffnet für Probleme und zauberhafte Anfänge. Der Geist, der aus dem Tod ins Leben ruft.

Amen.

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