Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön!

Wochenandacht ab Kantate (4. Sonntag n. Ostern) 10. Mai 2020

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Die Arie für Alt "Zum reinen Wasser er mich weist, das mich erquicken tue." aus der Kantate "Der Herr ist mein getreuer Hirt" von J.S. Bach (BWV 112), Eva Braunstein (Alt) und Hans Jochen Braunstein (Flügel)

Quelle: J.S. Bach/Eva und Hans Jochen Braunstein

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Es ist schon schade. Nach zwei Monaten wäre wieder ein Gottesdienst möglich. Doch Singen ist natürlich auch am Sonntag Kantate verboten. Das gehört zu den neuen Auflagen. Dabei wäre es schön, wieder zu singen. Nicht mehr nur allein unter der Dusche, sondern gemeinsam mit anderen. Fröhliche Lieder, neue und alte. Das wird manchen eine kleine Träne abfordern.

Nun muss das gemeinschaftliche Singen noch warten. Das ist keine willkürliche Entscheidung der christlichen Kirchen, sondern wurde im Gespräch mit dem Robert-Koch-Institut beraten. Möglichst kein Mensch soll sich in einem Gottesdienst mit dem Corona-Virus anstecken. Es geht nach zwei Monaten Gottesdienstverbot nicht darum, plötzlich Normalität zu üben. Es ist der Anfang eines Notbetriebs, wenn 25 Stühle mit einem Abstand von zwei Metern in unserer Kirche verteilt sind. Immerhin können wir nun wieder Andachten in kleiner Runde feiern. An diesem Sonntag laden wir dennoch zu einem stillen Gottesdienstzu Hause ein.

Die Stille passt zum 8. Mai und das Kriegsende vor 75 Jahren. Dieser Tag ist wie ein unsichtbarer Gedenkstein, der uns an das rettende Ende aus schrecklicher Not erinnert. Die Wunden der Überlebenden sind selbst nach so langer Zeit nicht verheilt. Und uns Nachgeborenen bleibt die Aufgabe, diese schmerzhaften Wunden zu betrauern und auch an die tödlichen Angriffe zu erinnern, die unsere Eltern, Groß- und Urgroßeltern anderen zugefügt haben und die durch sie auf unser Land zurückgefallen sind.

Wenn Lieder und Musik verstummen, dann ist das ein Zeichen großer Not (vgl. Hes 26,13). Wenn dagegen Musik die Luft erfüllt, ist das ein Lebenszeichen. Singen ist Ausdruck von Lebensfreude, denn Körper und Seele bringen die Stimme vereint zum Klingen.

Mit dem Predigttext schauen wir zurück auf einen besonders musikalischen Gottesdienst. Über 400 Musiker feierten damals mit dem König Salomo und allen Repräsentanten Israels, den Einzug der Bundeslade in den neuen Tempel (2Chr 5,2-5.12-14). Sie alle singen und spielen mit einer Stimme, wie es heißt. Mit ihrer Musik verleihen sie ihrer Freude über Gottes Nähe Ausdruck. Der wohnt nun im Tempel. Dort kann man ihm nahe kommen.

Auch der Sonntag Kantate entfaltet wie die anderen Sonntage nach Ostern einen Akzent der Osterfreude gegen alles Lebensfeindliche. Auf den Jubel über die Erneuerung der Schöpfung folgt an diesem Sonntag der Lobgesang zur Ehre Gottes. „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ (Ps 98,1), lautet der Wochenspruch.

Das Evangelium erzählt an diesem Sonntag vom Einzug Jesu in Jerusalem. Es hat den Einzug Gottes im neu gebauten Tempel Salomos im Rückspiegel und fragt: Was wäre, wenn ...? Was wäre, wenn die Menschen damals nicht gesungen hätten? Was, wenn Sie Jesus nicht mit Jubel und Singen begrüßt hätten? Was, wenn man Jesus nicht als Gesandten Gottes erkannt hätte?

Bei Lukas (Kap. 19,37-40) sitzt Jesus schon auf dem Esel und nähert sich Jerusalem. Die Menge der Jünger fängt schon an, Gott mit lauter Stimme zu loben. „Gelobt sei, der da kommt!“, singen sie. „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Doch da herrschen einige aus Jerusalem Jesus an, er solle seine Jünger zurechtweisen. Aber Jesus sagt einen entscheidenden Satz. So, als würden Steine nicht nur stille Zeugen der Geschichte sein, sondern sprechen. Jesus sagt (V.40): „Wenn die Jünger schweigen, dann werden die Steine schreien.“

Vielleicht meint Jesus damit jene Steine Jerusalems, die schon gehört haben, wie König Salomo mit Israel singt. Steine, die große Not aber auch köstliche Friedenszeiten gesehen haben. Jesus weint eine Träne über Jerusalem und die Menschen, die nicht erkennen, „was zum Frieden dient“ (Lk 19,41). Aber er hört den Lobgesang der Schöpfung, den selbst leblose Steine summen.

Damals wie heute ist in stillen Tagen manches lauter zu hören als sonst. Was wäre, wenn Steine sprechen könnten? Das hab ich mich gefragt. Sie würden vermutlich von den Zeiten erzählen, in denen die Menschen gesungen und geschwiegen haben – vor Freude, in Angst, aus Not oder voller Lebensfreude.

Manche Menschen suchen die sprechende Stille einer Kirche und lassen sich von diesen anderen Zeiten erzählen. Wer hört, was ihre Steine zu sagen haben, für den kann ihre Stimme recht laut sein. Die Steine der Lützelsachsener Kirche können Stille vertragen. Sie sind zwar nicht so alt wie der Tempel Salomos, aber auch sie haben über die Zeit immer wieder neue und alte Lieder gehört. Sie kennen das Loblied der Schöpfung.

Das finde ich einen schönen Gedanken: Auch wenn wir nicht gemeinsam singen, lobt die ganze Schöpfung Gott. Und meine Seele summt munter mit. „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.“ (Ps 19,2)

Gott schenke uns Gelegenheit zum Singen und Musizieren, / Freude an seiner Schöpfung und an Musik / sowie den Blick für das, was zum Frieden dient. / So segne uns Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.