Bitte locker bleiben

Wochenandacht ab Miserdikordias Domini (2. Sonntag n. Ostern) 26. April 2020

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Gemeinde,
nun wird manches krampfig, obwohl es ums Lockern geht. Vorsichtsmaßnahmen wie Kontakt­sperre, Ladenschließungen und bald auch Gottesdienstverbote werden zaghaft zurückgenommen und die Notbetreuung in Schulen und Kindergärten vorsichtig ausgeweitet. Dafür werden andere Vorschriften wie Mund-Nasen-Schutz beim Einkauf und in Bus und OEG eingeführt. Das ist der Tausch, so scheint es. Zwei Wochen nach Ostern folgt der Starre eine verkrampfte Wieder­belebung. Da gilt es möglichst locker zu bleiben.

Ich feiere gern Gottesdienste und freue mich über gut gefüllte und volle Kirchen. Ich bin aber nicht dafür, alle Auflagen und Einschränkungen für Gottesdienste abzuschaffen. Denn an der Kirchentür Menschen abweisen und wegschicken, das will ich eigentlich nicht planen. Lieber will ich mir Ge­danken machen, wie wir Gottesdienst leben und in Häppchen Andacht finden können in dieser Zeit. In Hausandachten, durch Mini-Filme, in Familien, die eine Zeit mit Gott einplanen, bei Trauerfeiern vor der Friedhofshalle, im Gespräch vom Balkon mit Geburtstagskindern und vielleicht auch in einer stillen Kirche.

Obwohl die Vorsichtsmaßnahmen, die für viele existenzgefährdend sind, gelockert werden, kaufen die Menschen verhaltener ein und bewegen sich insgesamt behutsamer im öffentlichen Raum. Vermutlich werden diejenigen enttäuscht sein, die nun die rasche Wiederaufnahme von Gottes­diensten fordern. Was sie sich und was sich viele von uns wünschen, das wird in den nächsten Monaten kaum möglich sein: Gottesdienste, bei denen wir uns wiedersehen und treffen, gemeinsam singen, miteinander sprechen, einem Chor lauschen, Abendmahl feiern, die Hand geben und den ein oder anderen in den Arm nehmen. Das Virus wird nicht weg sein, selbst wenn wir trotzig so tun, als ob es an den Einschränkungen klebt, die wir gerade in Kauf nehmen. Vielmehr ist es möglicherweise in mir und dir. Und es liebt wie wir Freundschaft und Freiheit, aus Eigennutz.

Aus meiner Sicht ist es für uns in der Metropolregion Rhein-Neckar wenig sinnvoll, die Herde – wenn Sie so wollen – zusammenzutreiben und wieder gemeinsam zu klönen. Sonst würde wo­möglich ein Schaf die ganze Herde anstecken. Ich bin davon überzeugt, Kirche eine Zeit lang auch ohne gemeinsame Gottesdienste in großer Runde überlebt und überdauert. Alle Chöre, die nun ruhen und im Kontakt bleiben; Besuchsdienstkreise, die nun statt eines Besuchs anrufen; Kreise, die aus der Not eine Tugend machen und sich schreiben; Konfirmanden, die sich per Video treffen, sie alle teilen Hoffnung und Trost – bis alles wieder gewohnt möglich ist. Bis dahin braucht es etwas anderes.

Über eins bin ich erstaunt und froh. In diesen Wochen wird deutlich, mit welchem Reichtum unser Leben beschenkt ist – riesige Konzerte und Fußballspiele, eine Vielzahl an Veranstaltungen und Treffen. Und es wird auch sichtbar, mit welcher Kreativität und welchen Gaben in religiösen Gemeinden Woche für Woche von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geschafft wird. Plötzlich gibt es eine Vielzahl von Andachten und Gottesdiensten in vielen verschiedenen Medien. Da halt ich es dankbar mit dem Psalmvers, dem dieser Sonntag seinen Namen verdankt „Die Erde ist voll der Güte des Herrn.“ (Ps 33,5).

Viele Kolleginnen probieren neue Wege der Verkündigung. Denn diese Zeit lässt mehr Platz zum Experimentieren. So hab ich Ostermontag mein Akkordeon, das mir meine Großeltern geschenkt haben, ausgepackt. Den Bewohnern an den Fenstern des Pilgerhauses haben unsere Kinder und ich hinaufgesungen: „Einfach spitze, dass du da bist!“ und natürlich auch „Christ ist erstanden.“ Das Schöne daran ist, dass nicht alles perfekt sein muss. Das ist wie im Leben.

Heute am „Schaf-Sonntag“ verweisen Psalm 23 auf Gott als gutem Hirten und der Wochenspruch auf Christus, der von sich sagt: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ (Joh 10,11a.27–28a).

Sie wissen es. Ein Hirte sorgt für seine Herde. Er führt die Tiere zum frischen Wasser und zeigt ihnen, wo sie sich an grünem Gras weiden können. Sie wissen, wo sie hingehören und wo sie Schutz finden.

Natürlich sind wir keine Schafe. Doch wie ein guter Schäfer niemanden verloren gibt und sein Leben für die einsetzt, die ihm anvertraut sind, so sorgt Gott für uns. Es gilt, sich an Gott als dem gutem Hirten zu halten und seinem Beispiel zu folgen.

Vielleicht fällt Ihnen ein, wann Sie sich gut versorgt gefühlt haben? Aber auch in welcher Situation es Ihnen zu eng war und wo Sie das Weite gesucht haben. Und wo hat jemand auf Sie geachtet?

Ich bin mir sicher, dass Gott aus uns braven, wilden und verrückten Schafen Hirten machen will. Menschen, die möglichst unverkrampft aufeinander Acht geben, Weite zulassen und einander hüten.

Und wenn es wieder möglich ist, dann werden wir wieder zusam­menkommen und Gottesdienst feiern mit Händeschütteln und Abendmahl und Singen und Vaterunser. Bis dahin werden wir wohl auf andere Art Kontakt halten. Da gibt es viel zu entdecken. Gott schenke uns dafür seinen Segen.

Segen

Der Herr gebe uns Gelassenheit und ein fröhliches Herz.
Er zeige uns Wege auf unbekanntem Gebiet.
Er öffne unsere Augen für seine Güte, die sich zwischen uns ereignet.
Er lasse uns davon zehren, wenn wir Verzicht üben.
Er stärke und bewahre unsere Verbindung durch Jesus Christus.

Amen.

Kommen Sie gut durch die neue Woche.

Jan Rohland

Lützelsachsen, den 25.04.2020

Den Text finden Sie als PDF-Datei hier:

Das Schaf in unserem Kurz-Film braucht mehr Abstand als 1,5 Meter.