von Holger Tietz
Spruch des Tages (Johannes 3, 16):
Also hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.
„Erbarme dich, mein Gott, um meiner Zähren willen“ Arie für Alt (h-Moll) BWV Nr. 47/NBA Nr. 39 aus der Matthäus-Passion (BWV 244) von J.S. Bach
Eva Braunstein (Alt), Aniko Soltesz-Schaden (Violine), Hans Jochen Braunstein (Flügel)
Quelle: J.S. Bach/E. und J. Braunstein, A. Soltesz-Schaden
Karfreitag 2020
Die dritte Woche der Coronavirus-bedingten Ausgangsbeschränkungen geht zu Ende. Der behördlich verordnete „Lockdown“ des öffentlichen Lebens hat Kitas, Kindergärten, Schulen, Universitäten, Museen, Kinos, Restaurants und viele Wirtschaftsbetriebe geschlossen. Einen derart reduzierten Alltag haben wir bisher noch nicht erlebt. Wir sind zumindest verunsichert, manche glauben sich schutzlos den Anordnungen der Behörden ausgeliefert oder fühlen sich isoliert, einsam und allein. Sie vermissen ihre normalen sozialen Kontakte. Mit Blick in die Zukunft fragen die Menschen besorgt: Wie lange halten wir als Familie im doppelten Home-office die Begrenztheit unserer Wohnung bei geschlossenen Spiel- und Sportplätzen noch aus? Wie soll es finanziell weitergehen, wenn mein Betrieb Konkurs anmelden muss und ich meine Arbeitsstelle verliere? Viele Menschen fürchten um ihre physische und psychische Gesundheit, manche, da sie zu Risikogruppen gehören, um ihr Leben.
Derzeit kommt uns das Leid der Menschen und der Tod Tausender besonders nah. In zahllosen Sondersendungen zu Corona werden wir Zeugen, wie Ärzteteams und das pflegende Personal in Hospitälern, Feldlazaretten und Behelfsunterkünften am Rande ihrer körperlichen Kräfte und ihrer medizinischen Möglichkeiten Menschen, die sich mit dem Virus infiziert haben, beim Kampf gegen das Coronavirus helfen. Und trotz dieses aufopferungsvollen Einsatzes sterben viele dieser Patienten auf den Intensivstationen unserer modernen Krankenhäuser. Viele andere Coronapatienten
sterben aber auch schutzlos, einsam und verlassen – so wie Jesus Christus, an dessen Leidens- und Todesgeschichte wir besonders zu Karfreitag denken.
sterben aber auch schutzlos, einsam und verlassen – so wie Jesus Christus, an dessen Leidens- und Todesgeschichte wir besonders zu Karfreitag denken.
Jesu Leiden und Sterben (Johannes 18 -19)
Als Jesus im Garten Gethsemane von den Soldaten festgenommen wurde, waren seine Jünger noch bei ihm. Dann aber verloren sich seine bisherigen Wegbegleiter rasch. Zunächst, als Jesus am frühen Morgen, vor die beiden jüdischen Hohepriester Hannas und Kaiphas geführt wurde, waren Petrus und ein anderer Jünger noch in seiner Nähe. Doch spätestens nachdem der Hahn dreimal gekräht hatte und Jesus vor dem römischen Statthalter Pontius Pilatus stand, war er ganz allein mit allem, was noch kommen sollte.
Keiner seiner Jünger war mehr bei ihm, niemand, der ihn vor seinem Richter Pilatus in Schutz nehmen wollte. Erst recht nicht vor der hysterisch nach seiner Kreuzigung verlangenden Menge. Das Auspeitschen durch die Soldaten, die Dornenkrone, die öffentliche Verspottung und schließlich das Todesurteil – dies alles erduldete Jesus allein – mutterseelenallein und scheinbar von seinem himmlischen Vater verlassen. Tod durch Kreuzigung – die grausamste und schändlichste Hinrichtungsart, die sich Menschen haben einfallen lassen. Die Verurteilten sterben meist sehr langsam, unter körperlich-seelischen Höllenqualen und dies in aller Öffentlichkeit.
Das unabwendbare Schicksal seines eigenen Lebensendes stand Jesus klar vor Augen. Jesus wusste, was ihn erwartete, als er das Kreuz auf seiner Schulter zum Richtplatz tragen musste. Als Jesus gekreuzigt war und im Sterben lag, waren dort in Golgatha aber doch nicht nur Soldaten und Schaulustige.
Es standen unter dem Kreuz auch „…seine Mutter, Maria Magdalena und Maria, die Ehefrau des Klopas sowie der Jünger, den Jesus am meisten lieb hatte“ – berichtet der Apostel Johannes im 19. Kapitel. Und weiter „… nachdem Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sprach er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.“
Es ist vollbracht
Das klingt zunächst wie „Es ist vorbei!“ Es ist gut, dass der Spott der Soldaten vorbei ist, die dem sterbenden Jesus Essig zu trinken geben und um seine Kleider würfeln. Es ist gut, dass die Peitschenschläge vorbei sind, die die Mordlust der Menge befriedigen sollten. Es ist gut, dass der Kampf Jesu am Kreuz vorbei ist, das Ringen um den jeden Atemzug... Gut, dass dies alles endlich vorbei ist.
„Es ist vollbracht!“ heißt aber auch: Mein Auftrag ist erfüllt, mein Werk ist zum Ziel gekommen. Was geschehen sollte, ist geschehen. Am Kreuz ist zum Ziel gekommen, was damals begann, als Jesus einige Fischer in seine Nachfolge berief, um den Menschen die Botschaft von der Liebe Gottes, das neue Evangelium zu bringen. Und Jesus hat Gottes Liebe unter die Menschen gebracht. Jesus hat sich für diese Liebe zu uns ans Kreuz schlagen lassen, ist für seine Liebe zu uns qualvoll gestorben.
„Es ist vollbracht!“ Aber auch aus einer unbedingten Treue zu Gott hat sich Jesus ans Kreuz schlagen lassen und blieb noch am Kreuz der Sache Gottes gehorsam. Deswegen diese letzten Worte: „Es ist vollbracht.“
Das Kreuz hat eine mehrfache Bedeutung für uns Christen. Zum einen ist es zum Zeichen des Gehorsams Jesu gegen Gott geworden. Zum anderen erinnert das Kreuz an das Dunkle, das in meinem Leben geschehen kann. Das Kreuz erinnert daran, dass ich in meinem Leben anderen Mächten und Gefahren schutzlos ausgeliefert sein kann. So, wie wir es alle in diesen besonderen, außerordentlichen Tagen der Corona-Pandemie erfahren. Jesus erging es ähnlich. Am Kreuz war er schutzlos der Mordgier der Menschen ausgeliefert.
Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin
Aber so paradox es klingt: Genau dieses Ausgeliefertsein, diese Hoffnungslosigkeit des Mannes am Kreuz ist für uns der wahre Grund zur Hoffnung. Weil Jesus am eigenen Leib erlebt hat, wie das ist, anderen Mächten schutzlos ausgeliefert zu sein, kann ich wissen, dass er mir nahe ist in meinem Sorgen, meinen Ängsten und meinem Leid. Weil Jesus am eigenen Leib Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung erlebt hat, kann ich wissen, dass er mich im Dunkel meines Lebens nicht alleine lässt.
Wenn ich in meinem Leben an die bittere Stunde geführt werde, wo mir alles aus der Hand genommen wird, kann ich das eine wissen: Ich bin Jesus ganz nahe und nicht schutzlos. Das Leid, das mir widerfährt, hat er selbst erlitten. Die Hoffnungslosigkeit, die mich quält, hat er gekannt. Die Verzweiflung, die mich heimsucht, hat er genauso erlebt. Dass ich im Dunkel meines Lebens nicht alleine bin, sondern dass da einer ist, der mein Leben auch dann in seinen Händen hält, wenn es keinen Ausweg mehr gibt, wenn wirklich alles zu Ende geht. Dann weiß ich: Ich bin geboren und gehalten in Gottes guter Hand.
Wir feiern Karfreitag mit dem Wissen, dass auf Jesu Tod die Auferstehung folgen wird. Am Ostermorgen wird Gott die Antwort geben auf Jesu Frage nach der Verlassenheit, indem er ihn nicht im Tode lässt, sondern ihn zu sich nimmt in das Reich, das Jesus verkündigt hat. Nicht der Tod, sondern Gott hatte das letzte Wort über Leben und Sterben. Und dieses Wort war ein Wort des Lebens.
Und wir, die wir als Christen zu Jesus gehören, wissen: Seine Geschichte ist auch unsere Geschichte. Auch über uns und unsere Lieben wird nicht das Leid in der Welt oder der Tod, sondern Gott das letzte Wort haben. Es ist ein Wort des Lebens, der Barmherzigkeit und des Friedens.
Das ist unsere Hoffnung, nicht nur zu Ostern 2020. Das ist unser Glaube.
Amen.
Amen.


