Liebe Gemeinde!
Ich lass mir die Haare nicht mehr schneiden. Das hab ich jetzt einfach beschlossen. Das mach ich so bis der Frisör wieder aufmacht. Vielleicht denken Sie, das ist albern. Ist es aber nicht. Es ist eine klare Entscheidung, auch wenn es vorerst nicht anders geht. Es ist ein Weg, den ich gelassen gehen kann. Vielleicht geht es Ihnen ja genauso. Und wenn wir uns wiedersehen, wer weiß, dann sind wir vielleicht Pilzköpfe (Sie erinnern sich an die Beatles), langhaarig und vollbärtig (die Männer jedenfalls).
„Weg“ und „Haare“, das sind wichtige Stichworte. Zuerst zum Weg. Für das Jahr 1500 wurden viele Pilger für den Weg nach Rom erwartet. Runde Zahlen und Jubiläen sind schließlich faszinierend. Erhard Etzlaub hat darum die früheste Straßenkarte Europas entworfen. Durch punktierte Linien konnte man so den Wegverlauf und die Entfernung zwischen zwei Orten ablesen. Das war neu. Zwei Punkte waren ein deutsche Meile voneinander entfernt. Das sind 7,4 km. Für Etzlaub war Rom das Ziel. Darum liegt es oben auf der Karte und alle Straßen führen „hinauf“ nach Rom. Und mit der Karte von Etzlaub konnte man nun auch sehen, welcher der kürzeste Weg ist.
Auch wenn Jesus nicht in Rom einzieht, sondern auf einem Esel hinauf nach Jerusalem, passt zu Palmsonntag die Frage: Auf welchem Weg bin ich mit Gott unterwegs und wie findet man eigentlich Gott? Eine Pilgerreise ins Heilige Land oder ein Besuch Roms kann bestimmt helfen, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Eine Frau zeigt uns, wie sie Jesus begegnet. Der Predigttext für Palmsonntag steht bei Markus, im 14. Kapitel (V.1-9).
In Bethanien, kurz vor dem Passafest, ist Jesus im Haus eines gewissen Simon. Und da kommt eine Frau mit kostbarem Öl. Die öffnet das Gefäß und salbt Jesus den Kopf. Da entbrennt ein Streit. Die einen meinen: „Das ist Verschwendung. Das Geld für das Öl hätte man den Armen geben können.“ Aber Jesus sagt: „Das hat sie gut gemacht, ein gutes Werk an mir. Den Armen könnt ihr stets Gutes tun, aber ich bin nicht immer da. Sie hat meinen Körper gesalbt, denn ich sterbe bald.“
Beide haben irgendwie Recht. Die einen, die sich um die Armen sorgen, und die Frau, die für Jesus sorgt. Ich stell mir Jesus überrascht vor und doch schlagfertig. Denn er deutet die Salbung als Zeichen für das, was bald geschehen wird. Schließlich ist Jesus in Jerusalem eingezogen und wird bald verhaftet. Da hilft alles Rechnen nicht. Jesusspürt die Gefahr, in der er sich befindet. Docher gewinnt Kraft aus dem, was die Frau ihm schenkt. Es ist eine kostbare Gabe für Jesus.
Es gibt viele Situationen, die aussichtslos erscheinen und doch nicht so bleiben. Darum ist es gut, wenn wir in Europa nicht die Menschen vergessen, in deren Ländern die Ärzte nicht in dem Maß Zugang zu Medikamenten haben wie bei uns, kein fließend Wasser haben und vieles mehr. Das bleibt wichtig, auch wenn in der Krise jeder zunächst auf sich achtet.
Vielleicht wollte die Frau Jesus eigentlich zum König salben. Doch Jesus deutet die Salbung als Vorwegnahme für das, was geschehen wird. Dabei sieht Jesus vielleicht sogar für sich Spielraum und gestaltet ihn bewusst. Jesus könnte bald verurteilt werden und sterben. Indem die Frau ihn salbt, macht sie ihn zum Gesalbten/Christus, aber nicht zum König auf dem Thron Davids. Manche ärgern sich über die Frau. Jesus sagt ihr Danke. Danke für die Liebe, die diese Frau ihm erweist. Danke für das Geschenk auf seinem Haar. Und Danke für die Gelassenheit, die er daraus schöpft.
Das lässt Jesus selbstbewusst handeln. Er will sich nicht verbiegen, wegrennen oder selbst verleugnen. Das ist sein Weg. An ihm stehen fröhliche Menschen mit ihrer Sehnsucht und Palmzweigen. Er weiß er um den Ernst der Lage und wozu Menschen fähig sind, die Angst haben. Heute wird Jesus sicher allen dankbar sein, die Kranken und Sterbenden Kraft geben und Trost.
Jesus hat sich auf den Weg gemacht – zu den Menschen in Jerusalem und zu uns heute. Punkt für Punkt geht er mit uns. Nicht nur auf der Landkarte und egal, ob mit langen oder kurzen Haaren.
Vorspiel "Herzliebster Jesu" (BWV 1093) und Choral "Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken" (EG 91/BWV 1093) Quelle: Hans Jochen Braunstein, Eva Braunstein
Das Wochenlied meditiert die Begegnung mit Gott (Gesangbuch Nr. 91):
Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken,
mich in das Meer der Liebe zu versenken,
die dich bewog, von aller Schuld des Bösen
uns zu erlösen.
Amen.
Eine gute Karwoche.
Ihr Jan Rohland


