Gott will wie eine Mutter trösten

Wochenandacht ab Sonntag Lätare 22. März 2020

Kirche Lützelsachsen Altar

Quelle: Beate Preuss

Liebe Gemeinde,

der Sonntag heute heißt Lätare. Das ist das erste lateinische Wort des klassischen Eröffnungsrufes für diesen Tag: „Freuet Euch mit Jerusalem“ (Jes 66,10). Freuen – das ist besonders heute offenbar – freuen kann sich manchmal nur, wer auch widrigen Umständen etwas abgewinnen kann. Und einige Menschen können sogar Freude verbreiten, obwohl sie nicht viel zu lachen haben.

Natürlich kann sich freuen, wer endlich Zeit zum Heimwerken hat oder den Garten in Ordnung bringen kann. Man muss es halt genießen können. Ich persönlich freue mich, dass nun so langsam alles für die nächsten Wochen abgesagt ist. Denn Absagen kann ganz schön frustrierend sein. Aufregung und Nachrichten gibt es in diesen Tagen mehr als genug. Darum freue ich mich auch, dass das Leben nun etwas ruhiger verläuft als sonst.

Sicher, so ganz ungetrübt sind diese Tage nicht. Wir wissen nicht recht, wann das öffentliche Leben, das durch die heftige Vollbremsung ruht, wieder losgehen kann. Und wir ahnen, dass diese Krise nicht spurlos an uns und unserem Bekanntenkreis vorbeigehen wird – gesundheitlich, wirtschaftlich und vielleicht sogar seelisch.

Doch weder die Freude noch den Humor sollten wir in diesen Wochen verlieren. Da würde bestimmt auch Jesaja zustimmen. Und so bringt jede Not auch Witze hervor und Redewendungen. Vielleicht ist uns schon bald der „Homoffice-Bart“ (bisher: Dreitage-Bart) oder die „Korona-Frisur“ (für einen Strubbelkopf) völlig vertraut. Oder aber manch einer witzelt, dass nun sogar Hamster knapp werden, weil sie sich an Klopapier verschluckt haben.

Damals bei Jesaja ging es darum, dass das Volk Israel endlich aus der Verbannung heimkehren kann. Und auch heute sind Menschen auf der Flucht und wissen nicht, wohin. Doch vor reichlich 2500 Jahren ist im Land Israel ebenfalls noch nicht alles in Ordnung. Der Tempel in Jerusalem ist zerstört, die Stadtmauern sind geschleift. Es gibt Spannungen zwischen Heimkehrern und Dagebliebenen und Engpässe in der Versorgung. Sorgen wirken nach, Schuldzuweisungen gibt es weiter, und das Leben braucht Zeit, um wieder einen guten Rhythmus zu finden.

In dieser Krise und in diesen Anfang hinein ruft Jesaja: „Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.“ (Jes 66,10). Jesaja verkündet hier und in den nächsten Versen ganz überschwänglich Trost. Und Trost ist etwas, was wir Menschen uns wünschen. Wie ein Kind in den Armen von Mutter und Vater leichter weinen kann, weil es bei ihnen Trost findet, so soll für das Volk Israel das Aufleben sein, das für uns in diesen Tagen in die Ferne gerückt ist.

Der Sonntag Lätare gilt als kleines Osterfest mitten in der Passionszeit. Er ist so etwas wie eine Oase in der Wüste der Passionszeit. Auch dieser Tag heute fordert auf, nicht nur auf die Einschränkung zu schauen, sondern auch auf das, was gut ist und wir schon bald besser erhoffen. Denn das macht die Entbehrung und das Elend erträglicher und lässt uns die Dinge auf ihren Sinn prüfen.

Und Sinn macht das, was dem Leben dient. In diesem Jahr vor allem Abstand nehmen, damit nicht alle gleichzeitig krank werden und möglichst wenig in Gefahr schweben. Noch erwarten wir die Welle an Ansteckungen. Doch schon jetzt gilt auch uns, was Jesaja Israel zuruft. Alle die traurig waren, sollen sich nun trösten und satt trinken am Frieden, den Gott stiftet, und an allem, was Gott uns reichlich schenkt.

Der Prophet Jesaja beschreibt Jerusalem, die Stadt, in der damals der Tempel stand und wo Gott verehrt wurde, als einen Ort, an dem Gott selbst wie eine Mutter tröstet. Alle Herzen sollen sich freuen und am eigenen Leib erfahren, wie das Land aufatmet und auflebt.

Überlegen Sie, wie schön das sein wird, wenn wir wieder in die Stadt gehen können, sich einfach so treffen, ohne mulmiges Gefühlt anderen begegnen. Bekannten können wir dann wieder die Hand geben und Freunde ans Herz drücken. Denn eine Stadt ist keine Stadt, wenn man nicht rausgehen darf, die Straßen menschenleer sind, keine Kinder draußen spielen, kaum Läden offen sind. Das ist so, als würden Angst und Krankheit dort flanieren, wo sonst Verliebte spazieren gehen und sich alle frei bewegen können.

Jochen Braunstein hat auf unserer Orgel ein Stück aus dem Orgelbüchlein von Johann Sebastian Bach gespielt und aufgenommen. Sie können es auf unserer Internetseite www.ekilue.de hören. Im Evangelischen Gesangbuch steht der Choral unter der Nummer 77 und trägt den Titel „Christus, der uns selig macht“. Bachs Orgelbearbeitung (BWV 620) steht der Tonart a-Moll, passend zur Passionszeit. Der Text von Michael Weiße aus dem Jahr 1531 (nach »Patris sapientia« 13. Jh.) bedenkt Schritt für Schritt die Leidensgeschichte Jesu. Und er trotzt ihr vor allem in der letzten Strophe Zuversicht und Dank für alles ab, was uns Kraft gibt: „O hilf, Christe, Gottes Sohn, / [...] dass wir dir stets untertan / [...] deinen Tod und sein Ursach / fruchtbar nun bedenken, / dafür, wiewohl arm und schwach, / dir Dankopfer schenken.“

Christus, der uns selig machen will, wählt plastische Bilder für das, was er für sich selbst ahnt: Nur das Weizenkorn, das in die Erde fällt, bringt Frucht. Nur das Brot, das gebrochen wird, kann Trost stiften und das Mehl, das geteilt wird, kann Versöhnung schaffen. Christus erklärt das Leid nicht zum gottverlassenen Ort, sondern weiß sich selbst getröstet und gehalten von seinem Vater, der ihm ganz mütterlich nahe ist.

In der Mitte der Passionszeit, am Sonntag Lätare, heißt es darum für Menschen mit großen und kleinen Sorgen „Freut euch – allem Leiden zum Trotz! Denn mitten in der Wüste von Jesu Leidensgeschichte ist Ostern in Sicht. So sollt Ihr auch sehen, wie gut es Euch geht, und euch freuen auf die Zeit, die wie eine Oase auf uns zukommt.“

Jesaja 66,12-14: Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Amen. Und kommen Sie gut durch die neue Woche.

Ihr Jan Rohland

Vorspiel aus J.S. Bachs Orgelbüchlein zu "Christus, der uns selig macht"

Quelle: Hans Jochen Braunstein