Dekanin Monika Lehmann-Etzelmüller, evang. Kirchenbezirk Ladenburg-Weinheim und der Dekan des katholisches Dekanats Heidelberg-Weinheim, Dr. Joachim Dauer, haben gemeinsam einen Aufruf und eine Stellungnahme zur Europawahl verfasst.
Europa, jetzt erst recht!
Am 26. Mai 2019 finden in Deutschland die Europawahlen statt. Die Wählerinnen und Wähler haben dann die Chance, mit ihrer Stimme die künftige Richtung der Europapolitik mitzugestalten.
Die Wahl wird eine Richtungsentscheidung sein: geht es weiter auf dem Weg der europäischen Einigung oder werden wir die Rückkehr der schon totgesagten Nationalstaaten erleben? Europa kämpft mit vielen Problemen wie Brexit, der Streit um die Aufnahme von Flüchtlingen und die Debatte um die Rechtsstaatlichkeit in Polen und Ungarn. Das schwächt den Zusammenhalt und spaltet die Europäische Einheit. Nutznießer dieser Vertrauenskrise sind europafeindliche Parteien, die angesichts der oft bürokratisch und abgehoben anmutenden Entscheidungen aus „Brüssel“ die EU als Feindbild ausgemacht haben. Europa kämpft mit den Geistern von gestern.
Wir appellieren an alle Christinnen und Christen und an alle Menschen, denen Europa am Herzen liegt, am 26. Mai wählen zu gehen. Die Kirchen begleiten den europäischen Weg kritisch, aber immer konstruktiv. Für viele kirchliche Anliegen ist das Europäische Parlament ein wichtiger Verbündeter. Am 26. Mai geht es darum, welches Europa wir wollen. Dabei zählt jede Stimme. Wir bitten Sie: Gehen Sie wählen! Wählen Sie klug und umsichtig.
10 Gründe, warum Christinnen und Christen sich für Europa stark machen
Ein Blick in den Gründungsmythos Europas zeigt: Die Namensgeberin Europas kam selbst nicht aus Europa. Unser Glaube wurzelt in einer Heilsgeschichte, die ihren Ursprung in Israel hat. Die gute Nachricht kam zu uns, weil Menschen sich mit der guten Nachricht auf den Weg zu uns gemacht haben. Dies ermutigt uns, nicht nur als Nationen, sondern im Sinne einer großen Weltgemeinschaft zu denken.
2. Ökumenische Erfahrungen nutzen und weiter entwickeln
Unsere Kirchen sind über viele Netzwerke in der europäischen und weltweiten Ökumene verbunden. Wir pflegen Partnerschaften und Freundschaft zwischen Kirchen, Gemeinden und einzelnen Menschen, die uns bereichern und inspirieren. Europa ist mehr als ein geografischer Raum, Europa ist der Raum unseres gemeinsamen Bekenntnisses. Wir leben Einheit in Verschiedenheit und Vielfalt. Wir zeigen damit, es kann auch anders gehen als mit nationalem Egoismus, Abschottung und Ausgrenzung.
3. Erinnerung statt Geschichtsvergessenheit
Als Christinnen und Christen sind wir hineingenommen in eine Geschichte, die oft schuldhaft und voller Irrtümer war. Wir brauchen die Erinnerung, um immer wieder neu danach zu streben, wie wir in Mitmenschlichkeit miteinander leben können. Das immunisiert uns gegen jede Geschichtsvergessenheit.
4. Gemeinsamer Wertekanon
Die EU ist eine Wertegemeinschaft. Die Achtung der Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit sind im EU-Vertrag verankert. Als Christinnen und Christen teilen und verteidigen wir diese Werte, weil sie Leben fördern und Leben schützen.
5. Zivile Konfliktlösungen statt der Spirale der Gewalt
Europa ist ein erfolgreiches Friedensprojekt, das zeigt, dass Menschen unterschiedlicher Nationen und Kulturen friedlich miteinander leben können. Aus feindlichen Lagern sind Freundschaften geworden. In der letzten Legislaturperiode wurden im europäischen Parlament die Anstrengungen in der Kontrolle von Waffenexport, einer effizienten Zusammenarbeit in der Verteidigungspolitik und der Geschlossenheit in der europäischen Sicherheitspolitik verstärkt. Kirchen wollen mit ihren Erfahrungen mit alternativen, zivilen Konfliktlösungen zu einer europäischen Sicherheitspolitik ermutigen und beitragen, die Frieden stiftet und erhält.
6. Menschen Schutz gewähren
Die Bibel spricht Fremden und Flüchtlingen das Recht auf Schutz und Aufnahme ein. Europa ist der Würde jedes einzelnen Menschen verpflichtet. Das verlangt die sichere Aufnahme der Flüchtlinge, eine gerechte Verteilung der damit verbundenen Lasten und zügige Asylverfahren. Ein solches Europa wird aber auch die Fluchtursachen in den Herkunftsländern nachhaltiger zu beseitigen suchen. Die Gestaltung einer menschenwürdigen Migrations- und Asylpolitik als auch die Verantwortung für die Schwachen in der Welt fordern die europäische Politik heraus. Die Antwort kann nicht die Aushöhlung des Asylrechtes und das Aussäen von Angst sein.
7. Nein zu Antisemitismus
Als Christinnen und Christen stellen wir uns jeder Form von Antisemitismus entgegen und sehen mit Sorge, dass antisemitischer Strömungen stärker werden und es mehr Übergriffe gegen Jüdinnen und Juden gibt. Wir sehen uns in der Verpflichtung, uns öffentlich und entschieden – insbesondere in den digitalen Medien – gegen jegliche Form von Antisemitismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Kirche und Gesellschaft zu wenden und die Nachbarschaft zu jüdischen Gemeinden aktiv zu pflegen. Unsere Kirchen widersprechen allen Formen der Diskriminierung und Diffamierung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religions- und Glaubensgemeinschaft. Wir wollen in gutem Kontakt und guter Nachbarschaft mit unseren muslimischen Mitbürgern leben.
8. Nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen
Als Christinnen und Christen teilen wir Gottes Sorge um die Bewahrung der Schöpfung. Die Empörung junger Menschen über den Ausverkauf ihrer Zukunft ist auch in unseren Gemeinden Mahnung und Inspiration. Wir begrüßen die Anstrengungen der EU, die Treibhausgase reduziert, die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen umsetzt, die Verschmutzung von Luft und Wasser bekämpft, die Vielfalt von Arten fördert und den Gebrauch von Plastik eindämmt. Um Gottes Willen können wir in diesen Anstrengungen nicht nachlassen.
9. Junge Menschen verstehen sich als Europäer
Die Bibel lobt die Hellsichtigkeit junger Menschen. Sie fordert die Älteren auf, auf die besondere Weisheit junger Menschen zu hören. Die Mehrheit der jungen Menschen denkt europäisch. Die EU finanziert und unterstützt internationale Jugendbegegnungen und die Freiwilligendienste junger Menschen. Die Jugendarbeitslosigkeit wurde durch Programme bekämpft. Das Erasmusprogramm sorgt dafür, dass junge Menschen im Ausland studieren oder sich weiter qualifizieren. Als Christinnen und Christen setzen wir uns dafür ein, dass Kinder und Jugendliche ihre Gaben entfalten können und Toleranz und Akzeptanz einüben.
10. Europa macht glücklich
Unser Glaube ermutigt uns, uns an Schönem zu erfreuen. Europa macht glücklich, denn es bedeutet: sich an der Vielfalt von Menschen, Regionen. Produkten und Sprachen zu freuen, in Freizügigkeit und ohne Grenzpfähle zu reisen, in anderen Ländern leben und arbeiten, die eigene Region lieben und doch im großen beheimatet sein, alte Haltungen durch neue Impulse überdenken, ohne Zölle handeln, Weite spüren, Freundschaften pflegen, einander begegnen, Freiheit wirklich leben, ein gemeinsames Haus haben, Verschiedenheit als bereichernd erfahren. Die glücklichsten Menschen leben in Europa – es wird Zeit sich daran wieder zu erinnern.

